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Aus der weißen Fabrik – Interview mit zwei KrankenpflegerInnen

Als Kommunistischer Aufbau sind wir auf die kürzlich gegründete ‘Initiative Kämpferische Pflege’ (IKP) aufmerksam geworden. Dabei handelt es sich um einen klassenkämpferischen Organisierungsansatz von Pflegerinnen und Pflegern aus verschiedenen Arbeitsbereichen und Krankenhäusern. Wir drucken in dieser Ausgabe ein Interview der IKP mit zwei KollegInnen aus dem Krankenhaus ab, sowie einen kapitalismuskritischen Artikel dieser Initiative. Bitte sendet Rückmeldungen direkt an die Initiative unter organisierte.pflege@gmx.de

 

IKP: Hallo ihr beiden, stellt euch doch doch mal bitte kurz vor.

Onur: Hallo, ich heiße Onur und bin 21 Jahre alt. Ich mache derzeit meine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger in einer Uniklinik.

Inga: Hallo, ich heiße Inga, ich bin 39 Jahre alt und arbeite in einem städtischen Klinikum.

IKP: Warum habt ihr euch für die Krankenpflege entschieden? Was habt ihr von dem Beruf erwartet?

Onur: Ich habe vorher viele verschiedene Praktika und Minijobs gemacht, die mir alle mehr oder weniger sinnlos erschienen. Die Pflege schien mir die sinnvollste Alternative zu sein. Der Job ist zwar anstrengend, aber immerhin hat er eine positive menschliche Komponente. Doch nach einem halben Jahr begann mein Bild des Pflegeberufs zu bröckeln und jetzt, nach ca. einem Jahr bin ich schon ziemlich desillusioniert.

Inga: Ich hatte schon immer das Bedürfnis, Menschen zu helfen. Ein Bürojob oder eine Ausbildung in der Industrie kam für mich nie in Frage. Deshalb habe ich mich dann auch für eine Ausbildung in der Krankenpflege entschieden. Heute sehe ich viele Ding anders als zu Beginn meiner Ausbildung, aber im großen und ganzen ist meine Motivation geblieben.

IKP: Vielleicht könnt ihr für unsere Leser mal kurz beschrieben, wie so ein typischer Arbeitstag für euch aussieht.

Inga: Der Frühdienst beginnt um 06:15 Uhr mit der Übergabe, das heißt, der Nachtdienst erzählt was zu den einzelnen Patienten und was in der Nacht so passiert ist. Hier gibt es dann meistens schon die erste böse Überraschung, weil sich KollegInnen über Nacht krankgemeldet haben und kurzfristig kein Ersatz besorgt werden konnte. Das ist ja auch kein Wunder, denn die Stellen sind so knapp kalkuliert, dass es einfach so gut wie keine Kapazitäten gibt um zusätzliche Ausfälle aufzufangen. Es sind ja auch immer Stellen nicht besetzt, weil beispielsweise keine Schwangerschaftsvertretungen da sind. Und das die Kollegen, die gerade vielleicht zwölf Tage Dienst am Stück hinter sich und dazu noch einen Berg voll Überstunden angesammelt haben, dann nicht noch an einem ihrer wenigen freien Tage arbeiten kommen, kann ich auch verstehen. Dann teilen wir die Patienten untereinander auf, trinken, wenn es die Zeit zulässt, noch schnell einen Kaffee und dann geht es los. Als erstes kontrollieren wir die Medikamente für die Patienten, machen die Infusionen und Spritzen bereit und starten dann unseren ersten Rundgang, in dem wir die Patienten begrüßen, Medikamente verabreichen und die Vitalzeichen, also Blutdruck, Puls und Temperatur kontrollieren. Das nimmt schon einiges an Zeit in Anspruch, denn in den seltensten Fällen läuft alles nach Plan und ich muss auf Unregelmäßigkeiten wie einen stark erhöhten Blutdruck bei einer Patientin oder ähnliches reagieren. Wenn ich mit dem Rundgang fertig bin, meistens so gegen 9 Uhr, fange ich mit der Körperpflege meiner Patienten an. Oft schaffe ich dann erst mal nur einen Patienten, bevor die Ärzte mit ihrer Visite beginnen, bei der ich anwesend sein soll, obwohl ich eigentlich keine Zeit dafür habe. Zwischendrin werden dann auch immer wieder Patienten zu Untersuchungen oder Therapien abgerufen, was meine Planung dann natürlich gehörig durcheinander bringt. Und die Patienten haben natürlich auch zwischendrin Bedürfnisse, auf die ich reagieren muss, wie Toilettengänge oder ähnliches. Wenn dann noch irgendetwas größeres passiert, ein Notfall oder so etwas, dann kann ich manche Patienten nicht versorgen. Wenn ich dann doch alle Patienten versorgt habe, ist es meist schon 12 Uhr, also Zeit für meine Mittagsrunde, wo ich dann wieder Medikamente verteile und die Patienten bei der Nahrungsaufnahme unterstütze. Viele meiner Patienten können nicht alleine Essen, also muss ich ihnen oft das Essen anreichen, was ebenfalls wahnsinnig viel Zeit in Anspruch nimmt. Dann ist es oft schon bald Zeit für die Übergabe an den Spätdienst und danach muss ich noch dokumentieren, was in meinem Dienst so passiert ist und welche Pflegemaßnahmen ich durchgeführt habe. So schaffe ich es selten pünktlich um 14:30 Uhr Feierabend zu machen.

Onur: Für mich beginnt der Tag auch mit der Übergabe, an der ich eigentlich auch teilnehmen sollte, immerhin sind für mich viele Krankheitsbilder und Fachbegriffe noch neu. Aber im Normalfall muss ich nach fünf Minuten schon das erste Mal loslaufen, weil sich die ersten Patienten melden und Hilfe brauchen.

Da bekomme ich natürlich nicht besonders viel von der Übergabe mit, aber das wird von den examinierten Pflegekräften von mir erwartet. Während die examinierten PflegerInnen ihre Rundgänge vorbereiten, werde ich dann meistens schon zu den ersten Patienten geschickt um diese zu versorgen. Natürlich weiß ich generell wie das geht, aber trotzdem bin ich oft unsicher, was bestimmte Tätigkeiten angeht. Aber dass ich mal mit einer examinierten Kollegin zusammen Patienten versorge und dabei angeleitet werde kommt eher selten vor. Ich bin mir sicher, dass ich schon öfter gravierende Fehler gemacht habe und auch einige Male Glück gehabt habe, dass nichts passiert ist. Zum Beispiel habe ich mal einen Patienten zur Toilette mobilisiert, der nicht richtig laufen konnte und der dabei beinahe gestürzt wäre.

Generell werden wir auf den Stationen eher als Hilfskräfte bzw. zusätzliche Kräfte gesehen und weniger als Lernende. Die Zeit mal Fragen zu stellen oder sich bestimmte Dinge genauer erklären zu lassen, gibt es fast nie bzw. wird mir das Gefühl vermittelt, dass Fragen stellen jetzt nicht angebracht wäre.

IKP: Das klingt ja nicht sehr gut. Könnt ihr denn euren Aufgaben da gewissenhaft nachkommen?

Inga: Naja, laut den Richtlinien sind alleine für die Grundwaschung eines Patienten 45 Minuten veranschlagt. Bei acht Patienten wären das alleine 6 Stunden. In der Realität habe ich selten mehr als 15 Minuten Zeit für die Versorgung eines Patienten. Oft bleibt auch nur die Zeit für eine kurze Katzenwäsche, also Gesicht, unter den Armen und Intimbereich. Das bedeutet aber auch, wenn ich innerhalb dieses Zeitrahmens bleiben will, muss ich die komplette Pflege übernehmen, egal ob der Patient einige Dinge selbst übernehmen könnte. Das bedeutet natürlich eine krasse Entmündigung des Patienten und eine absolut würdelose Situation und dazu noch eine absolut kontraproduktive Behandlung, da der Patient so natürlich nicht in seinen Ressourcen gefördert wird. Aber anders schaffe ich es nicht, alle zumindest ansatzweise zu versorgen.

Nehmen wir zu den 6 Stunden Körperpflege noch 1 Stunde alleine für die korrekte Händedesinfektion, 1 Stunde für die Dokumentation und 2-3 weitere Stunden für Tätigkeiten wie Essen anreichen, Tabletten stellen und verteilen und Untersuchungen vorbereiten wird klar, dass das innerhalb eines 8-Stunden Tages unmöglich zu erreichen ist. Dass da zwangsweise einiges auf der Strecke bleibt, ist klar. Zeit mit dem Patienten zu sprechen, der in einer emotional extrem belastenden Situation ist und dringend Gesprächsbedarf hätte, bleibt natürlich auch so gut wie gar nicht.

Onur: Für mich heißt das vor Allem, dass ich kaum Zeit habe, während der Arbeit angeleitet zu werden und zu lernen. Damit reproduziere ich natürlich meine Fehler, weil keine Kontrolle stattfindet. Ich wurde auch schon öfter angemault, weil ich länger als 15 Minuten für die Pflege gebraucht habe, die Zeit wäre nicht da. So bekomme ich von Anfang an schon den Zeitdruck eingebläut.

IKP: Im Jahr 2015hat Verdi ja eine Kampagne mit dem Titel „Wir sind mehr Wert“ gestartet und wir konnten lesen, dass vielerorts PflegerInnen für mehr gesellschaftliche Anerkennung gekämpft haben. Trifft das eurer Meinung nach das Problem?

Inga: Naja, Anerkennung bekomme ich eine ganze Menge. Mir wird dauernd mitleidig auf die Schulter geklopft und gesagt, wie toll das doch sein, das ich gerade diesen Job mache, obwohl er so schwer und schlecht bezahlt sei. Aber dafür kann ich mir auch nichts kaufen, das repariert nicht meinen kaputten Rücken und sorgt auch nicht dafür, dass am Monatsende mehr Geld auf meinem Konto ist. Ebenso wenig verhindert es, dass ich meine Freunde und Familie kaum noch sehe, weil ich dauernd Wochenend- und Feiertagsschichten habe oder sorgt dafür, dass ich trotz meines durch die dauernden Schichtwechsel völlig zerstörten Biorhythmus vernünftig schlafen kann.

IKP: Wie begegnen euch denn die Patienten?

Inga: Die meisten sind natürlich sehr dankbar, sie befinden sich ja auch in einem krassen Abhängigkeitsverhältnis uns gegenüber. Den meisten fehlt ja das Wissen um die Dinge zu beurteilen, die wir mit ihnen veranstalten und sie müssen uns blind vertrauen. Auch sind sie meistens sehr verständnisvoll, wenn wir mal wieder wenig Zeit haben. Das gilt vor Allem für schwer pflegebedürftige Patienten, die aber auch am Meisten unter dem derzeitigen System zu leiden haben. Wenn sie keine Angehörige haben, die sich um sie sorgen, sind sie diesem unmenschlichen System völlig ausgeliefert und bleiben auf der Strecke. Wer fit ist und sich wehren kann hat Glück. Klar trifft das dann auch oft uns, aber da habe ich Verständnis für, auch wenn ich da meistens nicht die Schuld habe, sondern das System wie es ist, aber ich bin immerhin die direkte Ansprechpartnerin für die Patienten.

IKP: Wie ist das mit Privatpatienten? Gibt es da einen Unterschied in eurer Herangehensweise?

Onur: Viele Privatpatienten sehen uns immer mehr als Dienstleister. Nach dem Motto: „Ich zahle dafür, also mach was ich sage.“ Da herrscht wenig Verständnis für die Lage der Pflege. Man sieht auch deutlich, wie diese Patienten innerhalb des Systems bevorzugt werden. Wenn da irgendwas nicht klappt, gibt’s direkt Ärger vom Chef persönlich. Sie bekommen innerhalb von ein paar Tagen Untersuchungen, die ein Kassenpatient erst nach Wochen bekommen würde und dann auch nur ein Bruchteil davon.

Ich habe natürlich den Anspruch an mich, alle Patienten gleich zu behandeln, aber wenn ein Privatpatient was will, dann geht das natürlich vor, da kann ich nicht viel gegen tun. Da gibt’s halt direkt Druck von ganz oben.

IKP: Wie geht ihr denn mit dieser Situation um, wie ist die Stimmung unter den KollegInnen?

Inga: So traurig es ist, ich habe mich sehr schnell dran gewöhnen müssen, dass ich unmöglich meine Arbeit so erledigen kann, wie es sein sollte und so geht es auch den meisten KollegInnen. Man muss leider feststellen, die meisten haben resigniert und machen ihre Arbeit eben so gut es geht. Viele kündigen auch sehr schnell wieder, wir haben eine unheimliche Fluktuation was unser Team angeht, weil viele es einfach nicht lange aushalten. Es gibt natürlich eine Menge Unmut, alle regen sich andauernd über die Situation auf der Arbeit auf, aber den meisten fehlt dann schlussendlich die Energie, was zu ändern. Mehr als mal eine Überlastungsanzeige beim Personalrat, wenn es mal besonders schlimm ist, gibt es eigentlich nie. Oft richtet sich die Wut dann auch gegen Leute, die da eigentlich gar nichts für können, zum Beispiel andere KollegInnen, Servicekräfte oder auch PatientInnen. Da kommen dann so Aussagen wie „Na toll, Frau Maier klingelt ja schon wieder, die ist ja richtig nervig“ obwohl die Frau extrem eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen ist, oder „War ja klar das XY mal wieder krank ist, das geht ja gar nicht.“ obwohl die Kollegin oder der Kollege vielleicht einfach nur der dauernden Belastung auf der Arbeit nicht mehr gewachsen ist. Wenn man teilweise zehn oder zwölf Dienste am Stück arbeiten muss und das dann auch noch mit wechselnden Schichten und dann an seinen paar freien Tagen auch noch angerufen wird, ob man arbeiten kommen kann, ist es halt kein Wunder, dass man sich nicht richtig regenerieren kann und krank wird.

Interessanterweise ist den Leuten schon sehr klar, dass die Ursache für die Probleme im Kapitalismus und in der daraus folgenden Ökonomisierung des medizinischen Sektors liegt. Aber aus irgendeinem Grund kommen sie dann doch nicht auf die richtigen Schlussfolgerungen und ziehen sich schnell wieder auf die Positionen der Führungsebene zurück. So regen sie sich dann beispielsweise über den immer größer werdenden Dokumentationsaufwand auf, aber verteidigen dies am Ende dann doch, weil von den zusätzlichen Geldern, die dadurch erwirtschaftet werden, ja Aushilfen bezahlt würden. Aber sie übersehen dabei völlig, dass es mit einem vernünftigen Stellenschlüssel gar nicht nötig wäre, diese Aushilfen zu beschäftigen. Oder es wird sich über schlechtes Arbeitsmaterial aufgeregt, aber am Ende dann doch gesagt, dass die teuren Sachen ja nur unnötig Geld kosten würden und wir es ja selber Schuld seien, wenn wir nicht achtsam mit den Dingen umgingen.

Also schlussendlich wird uns ins Gesicht gesagt, dass wir mehr leisten müssen, es unsere Aufgabe sei dafür zu sorgen, dass der Stationsbetrieb aufrechtgehalten werden kann.

IKP: Welche Rolle spielen denn die Gewerkschaften im Krankenhaus, bzw. in der Pflege?

Inga: So gut wie keine. Die wenigsten meiner KollegInnen sind gewerkschaftlich organisiert und haben auch kein Interesse daran, weil von den Gewerkschaften ja eh nicht viel kommt. Alle paar Jahre gibt es mal eine plakative Aktion, wo um ein paar Prozent mehr Lohn verhandelt wird, aber das Kernproblem wird völlig ignoriert.

Und wirksam sind die Aktionen der Gewerkschaften durch die engen Absprachen mit der Klinikleitung sowieso nicht. Ein Streik, bei dem eine Notbesetzung gewährleistet werden muss, übt halt keinen Druck auf die Führung aus, da der Betrieb ja weiterläuft. Diejenigen, die davon betroffen sind, sind halt nur die PatientInnen und die KollegInnen, die gezwungen sind währenddessen zu arbeiten. Das wird natürlich ausgenutzt und an das moralische Empfinden der KollegInnen appelliert, weshalb sich auch die wenigsten an den seltenen Streiks beteiligen. Man will ja die Kollegen nicht hängen lassen usw. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum sich viele meiner KollegInnen krank zur Arbeit schleppen.

Den meisten ist zwar bewusst, wenn man sie drauf anspricht, dass dieses Verhalten auf einem falschen Verständnis von Solidarität beruht, aber am Ende erscheinen sie dann doch zum Dienst.

Onur: Ich bin zu Anfang meiner Ausbildung in die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) eingetreten, weil ich es wichtig finde, zumindest im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten ein Mitspracherecht zu haben. Als ich mit meiner Ausbildung angefangen habe, gab es gerade einige für mich damals recht eindrucksvolle Streikaktionen von Verdi, an denen sich auch viele meiner Mitazubis beteiligt haben, auch weil es um Verbesserungen für uns Azubis ging. Verdi hat uns damals gelockt bei ihnen einzutreten und es so dargestellt, als wäre das eine notwendige Voraussetzung um Jugendvertretungsarbeit zu machen. Einige Zeit später ist mir dann erst klar geworden, dass das schlicht gelogen war. Am Anfang war ich auch sehr begeistert vom Engagement meiner Mitazubis, aber das hat dann auch schnell nachgelassen, nach dem die gemerkt haben, dass hinter den Aktionen von Verdi nicht viel steht. Am Ende waren es dann neben mir noch ein oder zwei Leute, die wirklich aktiv sind.
Im Rahmen der JAV-Tätigkeit versuchen wir schon regelmäßig die Interessen der Auzbis auch mal mit radikaleren Forderungen zu vertreten, allerdings stoßen wir dabei meistens auf ziemlichen Widerstand. Die Grundhaltung der Gewerkschaften scheint eher zu sein, sich mit der Klinikleitung zu verständigen, anstatt legitime Forderungen an sie heran zu tragen. Auch wird unsere JAV-Arbeit nur bedingt unterstützt. Wir haben zum Beispiel mal gefordert, unseren Urlaub, der uns bisher fest vorgegeben ist, zumindest teilweise selber planen zu können. Das stieß von Seiten des Personalrats und Verdi erstmal auf totale Ablehnung, bzw. es wurde gesagt, dass das auf keinen Fall ginge. Als wir dann deutlich gemacht haben, dass wir im Falle einer Ablehnung Aktionen starten werden und ein Nein von Seiten der Klinikleitung nicht hinnehmen, wurde uns mehr oder weniger ein Maulkorb verpasst, mit der Begründung „Wir wollen uns ja nicht mit dem Arbeitgeber zerstreiten.“ Das ist schon frustrierend, aber spiegelt leider auch deutlich die Herangehensweise von Verdi und co. wieder. Auch wird immer wieder klar, dass unsere Arbeit nicht als notwendig, sondern eher als „goodie“ verstanden wird, welches nur unnötig Geld kostet. So weigert sich der Personalrat zum Beispiel, die Kosten für unsere Seminare vollständig zu übernehmen, mit der Begründung, das sei unwirtschaftlich. So können wir nicht alle an Seminaren teilnehmen, die nötige Grundlagen für unsere Arbeit schaffen würden, weil es im Endeffekt der Klinik zu teuer ist.

IKP: Was wären denn eurer Meinung nach die korrekten Forderungen und wie können die KollegInnen organisiert werden, um diese auch zu erreichen?

Inga: Die Hauptforderung muss die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen sein. Das bedeutet konkret ein aufgestockter Personalschlüssel in Verhältnis zur Anzahl der zu betreuenden PatientInnen und ein verbesserter Freizeitausgleich, das heißt die Senkung der Gesamtarbeitstunden bei gleichem Lohn. Es heißt immer, es seinen nicht genug Fachkräfte vorhanden. Die konkrete Lösung dafür wäre dann aber doch, das Berufsfeld attraktiver zu gestalten, beispielsweise durch Erhöhung der Löhne mindestens auf Industrieniveau.

Außerdem gilt es, die fortschreitende Privatisierung der Krankenhäuser zu bekämpfen. Eine medizinische Einrichtung kann und darf nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt werden, denn dies geht immer auf Kosten des Personals und der PatientInnen. Es wird an den falschen Stellen eingespart und Klassenmedizin gefördert. Niemandem darf auf Grund von finanziellen Interessen der Zugang zu notwendiger medizinischer Behandlung eingeschränkt werden.

Onur: Mit einer verbesserten Personalsituation wäre auch gewährleistet, dass wir uns als Auszubildende ausschließlich darauf konzentrieren können, den Beruf zu erlernen, anstatt wie zusätzliche Hilfskräfte behandelt zu werden.

Inga: Wie man die KollegInnen organisieren kann? Nun, wie ich ja schon gesagt habe, die üblichen Kampfform des Streiks funktioniert im Krankenhaus nur sehr bedingt. Wir können die PatientInnen ja nicht hilflos liegenlassen. Also müssen wir neue Kampfformen abseits des klassischen Streiks entwickeln. In der Berliner Charité wurden zum Beispiel auf einigen Stationen einzelne Zimmer bestreikt, was einen gewaltigen Druck auf die Klinikleitung ausgeübt hat. Immerhin bedeutet ein nicht belegtes Zimmer einen riesigen Verdienstausfall für das Klinikum.

Ich denke aber auch, dass es wichtig ist, dass die Auseinandersetzung um die Pflege nicht nur von den Beschäftigten, sondern von der gesamten ArbeiterInnenklasse geführt wird. Schlechte Bedingungen in der Pflege betreffen alle, die nicht das Geld haben sich private medizinische Versorgung leisten zu können. Deshalb müssen wir alle zusammen für bessere Bedingungen in der Pflege und gegen die Ökonomisierung der medizinischen Versorgung kämpfen.

Zuletzt müssen wir uns auch gegen die immer weiter vorangetriebene Spaltung zwischen Pflegenden und Hilfskräften, seinen es Pflegehelfer, Service- oder Reinigungskräfte stellen. Diese Spaltung wird gezielt von den Kapitalisten vorangetrieben, um einerseits ihre Schuld an den schlechten Bedingungen zu verschleiern bzw. die Schuld auf andere Teile unserer Klasse abzuwälzen und andererseits um eine breite Organisation der ArbeiterInnen zu verhindern.
Interview2

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