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ARCHIV - Ein SPD-Parteianhänger hält am 29.01.2017 in Berlin in der SPD-Parteizentrale ein Plakat mit einem Bild des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und dem Schriftzug «Mega». (zu dpa ««MEGA»-Schulz-Hype im Netz: Ohne Bremsen ins Kanzleramt?» vom 31.01.2017) Foto: Kay Nietfeld/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

‚Political engineering‘ und Rechtsentwicklung – oder: Wie steuert der Staat unser Denken und Fühlen?

In unserem Artikel zum Parlamentarismus haben wir davon gesprochen, dass die Bourgeoisie es trotz einer instinktiven Ablehnung des politischen Systems bei Teilen der Bevölkerung noch immer versteht, die „richtigen Knöpfe” bei ihnen zu drücken. Dies ist keine leere Floskel. Wir meinen damit eine mittlerweile systematisierte und wissenschaftlich ausgearbeitete Art der Beeinflussung der Massen, die in der bürgerlichen Literatur1 auch als „political engineering” bezeichnet wird.

Die Übersetzung des Begriffs ins Deutsche ist nicht ganz einfach. Wörtlich bedeutet er: „Politisches Ingenieurswesen” oder „Politische Technik”. Wir meinen: Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass politische Akteure (z.B. Parteien und ihre Beraterteams, verallgemeinert aber der staatliche Apparat als ganzer) auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden eine planmäßige Herangehensweise in Hinblick auf die Kommunikation mit der Bevölkerung entfalten, die der Aufrechterhaltung eines funktionierenden Staatswesens im Sinne der Bourgeoisie dient.

Political engineering” reicht dabei über die klassische „Propaganda” hinaus und setzt gerade bei Stimmungen und Gefühlen in der Bevölkerung an. Dieses Konzept ist auch ein wesentlicher Bestandteil der „hybriden Kriegsführung”, die wir in früheren Artikeln beschrieben haben2.

Die Aufrechterhaltung der Kontrolle des Staates über die Massen muss heute in einer hochkomplexen ökonomischen und politischen Gesamtlage geschehen. Oder anders gesagt: Die notwendig auftretenden gesellschaftlichen „Gärungsprozesse” müssen im Interesse des bürgerlichen Systems gesteuert werden.

Gabor Steingart, Herausgeber des „Handelsblatts”, beschreibt das Phänomen des „political engineering“ in seinem Essay „Weltbeben” wiefolgt: „Die Ausweichbewegung ins Narrative, die man in Amerika verharmlosend als ‚political engineering‘ bezeichnet, soll die Führungsrolle der politischen Klasse aufrechterhalten, und sei es als Fiktion. Eine eigene Industrie ist entstanden, sagt Johns-Hopkins-Professor Adam Sheingate, ‚um die Wahrnehmung der Wähler zu formen und das Image der Politiker zu kuratieren‘. Angetrieben von Psychologen, Hirnforschern, Demoskopen, Kommunikationsexperten und Verhaltensforschern, die ihre Feuertaufe zumeist im ‚neuronalen Marketing‘ der multinationalen Konzerne bestanden haben, verändert sich vor unser aller Augen die Biologie der Politik. Parteiapparate wurden zu Marketingmaschinen, Politiker zu Illusionskünstlern, Staatsmänner zu Geschichtenerzählern. Die Prinzipien von Vernunft und Rationalität werden beim ‚political engineering‘ nicht geleugnet, nur je nach Bedarf ignoriert. (…)

Der Wahlkampf ist in dieser Vorstellungswelt keine abgeschlossene Periode mehr, die wenige Monate vor dem Urnengang beginnt und bei Schließung der Wahllokale endet, sondern ein Dauerzustand, dem das Regieren untergeordnet wird.”3

Und weiter: „Henry Kissinger, der Altmeister der amerikanischen Außenpolitik, hat die neue Zeit am eigenen Leib erfahren. ‚Früher‘, erzählt er, ‚fragten mich die Politiker: Henry, was soll ich davon halten? Heute fragen sie mich: Henry, was soll ich dazu sagen?‘”4

Beispiele für ‚political engineering‘ sind der Wahlkampf von Obama 2008, in dessen Verlauf es gezielt verstanden wurde, eine Stimmung des Aufbruchs und des politischen Wechsels in Teilen der Bevölkerung zu entfachen, die über die sozialen Medien zu einem Selbstläufer wurde („Yes we can”) – und das alles bei weitgehender politischer Inhaltslosigkeit! Es stimmte einfach das Feeling! Ein ähnliches Phänomen scheint sich gerade in Deutschland rund um den SPD-Kanzlerkandidaten Schulz zu entspinnen, der nach Jahrzehnten im Brüsseler Polit-Establishment plötzlich als „Hoffnungsträger des kleinen Mannes” auf der deutschen politischen Bühne aufgetaucht ist. Man mag fassungslos davorstehen – und doch ist diese Erscheinung bei weitem kein Einzelfall.

Wie der Staat mit
unseren Gefühlen Spielt

Während wir Linken stundenlang über Formulierungen nachdenken, um rationale Sachverhalte in Flugblättern korrekt auszudrücken und damit die ArbeiterInnenklasse zu gewinnen, haben die bürgerlichen Parteien längst ganze Psychologen-Teams engagiert, um zu erforschen, wie sie die Massen emotional “geknackt kriegen”.

Einer dieser Wissenschaftler ist Drew Westen, ein Psychoanalytiker, Hirnforscher und früherer Wahlkampfberater von Barack Obama. Er ist der Autor des Buches “The Political Brain”, das mittlerweile eine Art Standardwerk in der Branche ist. Er hat – auch für uns sehr interessant – erforscht, wie Beeinflussbarkeit, Selbstbetrug und Opportunismus psychologisch funktionieren. In einem Internet-Artikel lesen wir z.B. über eine Studie zum US-Wahlkampf aus dem Jahr 2004: „Gemeinsam mit seinen Kollegen Stephan Hamann und Clint Kilts konfrontierte er 30 Versuchspersonen – die eine Hälfte Anhänger der Demokraten, die andere Anhänger der Republikaner – per Dia mit widersprüchlichen Aussagen der Präsidentschaftskandidaten John Kerry und George W. Bush.

Mit einem dritten Dia wurde den Probanden die Aufgabe übermittelt, sie sollten über die Unstimmigkeit der Zitate grübeln. Und diesen Prozess studierten die Wissenschaftler um Drew Westen im fMRT-Scanner. Gespannt waren sie natürlich vor allem darauf, wie die Kerry- und Bush-Anhänger auf die Inkonsistenzen ihres jeweiligen Lieblingskandidaten reagieren würden. Die Psychologen hatten sich dazu ein paar Hypothesen überlegt. Und die wurden eindrucksvoll bestätigt.

Drew Westen beschreibt es so: ‚Das Gehirn registriert den Konflikt zwischen Informationen und Wünschen und beginnt nach Wegen zu suchen, um die Quelle der unangenehmen Emotionen abzuschalten. Wir wissen, dass die Gehirne dabei ziemlich erfolgreich waren, denn die untersuchten Parteianhänger bestritten zumeist, dass sie irgendeinen Konflikt zwischen den Worten und Taten ihres Kandidaten wahrgenommen hatten.‘ Und weiter: ‚Es gelang den Gehirnen nicht nur, mittels eines fehlerhaften Denkprozesses das Gefühl der Bedrängnis abzustellen, sie taten dies außerdem sehr schnell – soweit wir feststellen konnten, sogar bevor die Testperson das dritte Dia überhaupt gelesen hatten.‘ (…)

Es kam aber noch etwas heraus, mit dem Westen und seine Kollegen nicht gerechnet hatten: Nachdem die Probanden einen Weg gefunden hatten, zu falschen Schlussfolgerungen zu kommen, schalteten sich nicht nur jene Schaltkreise ab, die an negativen Emotionen beteiligt sind – es schalteten sich jene ein, die an positiven Emotionen beteiligt sind! Fast so als jubilierten die Versuchspersonen innerlich über den gelungenen Selbstbetrug. Ablesbar war das an heftigen Aktivitäten im ventralen Striatum – einer Region des Belohnungszentrums, die auch aktiv ist, wenn Heroinsüchtige ihren Schuss bekommen. Der Begriff ‚Politik-Junkie‘ bekomme dadurch eine ganz neue Bedeutung, juxt Drew Westen.”5

Die meisten Leute hören nur, was sie hören wollen.” – Wir kennen viele politische Situationen, in denen wir mit ähnlich gelagerten Phänomenen des Selbstbetrugs konfrontiert sind:

Nehmen wir nur das Festklammern an der Hoffnung, das eigene Werk werde von der bereits angekündigten Rationalisierung verschont werden und das darauf basierende Einrichten in Passivität durch die Belegschaft, die dem Streik vorgezogen wird.

Oder: Den Widerspruch, wenn jemand in Hinblick auf die Bewertung Stalins und des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion ein ehrlicher und glühender Verfechter revolutionärer Maßnahmen ist – in Bezug auf hier und heute aber parlamentarische Politik in einer DKP oder MLPD betreibt – und garnicht nachvollziehen kann, wie man hieran Kritik üben kann!

Die psychologischen Mechanismen hinter diesen und ähnlich gelagerten Phänomenen sind nicht schwer zu erraten:

Politik im Rahmen des bürgerlichen Staates zu betreiben ist der Weg des geringeren Widerstands.Weiterarbeiten wie immer ist bequemer als streiken. Den Mann im Fernsehen zu wählen, der mir so nett nach dem Mund redet, ist bequemer, als rauszugehen und einen Aufstand anzuzetteln. Es ist bequemer, wenn jemand anderes meine Interessen vertritt statt ich selbst. Den Ausländern für meine Probleme die Schuld zu geben ist bequemer, als mich mit den Mächtigen anzulegen.

Denken wir also zurück an die Frage aus dem vorherigen Artikel: Mag auch (fast) jeder rational wissen oder instinktiv fühlen, dass die bürgerliche Demokratie eine große Lügenveranstaltung ist. Solange aber die Macht der Gewöhnung an das System stärker ist als diese Erkenntnis und die Bereitschaft zur eigenen Aktivität, ist der Parlamentarismus in den Massen eben nicht besiegt!

Rechtsentwicklung in den Massen

Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.6

Was ist in den letzten Jahren also passiert, da dieses bürgerliche System in Teilen der Massen immer mehr diskreditiert wurde, die „Macht der Gewohnheit”, der Parlamentarismus dabei aber nicht durchbrochen wurde? In welche politische Richtung geht die Tendenz in den Massen gerade?

Die MLPD, die ihren Blick offenbar nur auf ganz bestimmte Teile der Gewerkschaftsbasis gerichtet hat und sich dabei womöglich den „Westen‘schen Selbstbetrugs-Kick” holt, geht von einer Linksentwicklung in den Massen aus, auf den die Regierung mit einer Rechtsentwicklung reagiert hat.7

Wir halten das für eine gefährliche Fehleinschätzung.

Wer mit offenen Augen durch Stadt und Land in der BRD geht, wird nicht nur feststellen, dass sich in Ostdeutschland faschistische Massenbewegungen fest auf den Straßen von Großstädten wie Dresden etabliert haben – vom Land ganz zu schweigen; dass eine faschistische Partei wie die AfD mit zweistelligen Ergebnissen in mehrere Landtage eingezogen ist und mit einiger Wahrscheinlichkeit drittstärkste Kraft im nächsten Bundestag wird. Sondern, dass wir es mit einer Rechtsentwicklung in allen Teilen der Massen und der politischen Kräfte zu tun haben.

Was hat das mit “political engineering” zu tun? Wir leben seit geraumer Zeit vor einem permanenten Bedrohungshintergrund. Dieser wird strategisch und unablässig durch Staat und Massenmedien in die Bevölkerung kommuniziert und entwickelt sich durch die sozialen Netzwerke zum Selbstläufer. Die Stichworte sind: IS, Terror, kriminelle Ausländer, Trump, Putin, u.v.m.

Dieser Bedrohungshintergrund hat nicht dazu geführt, dass Teile der Arbeiterklasse spontan aktiv geworden sind. Vielmehr stellen wir, gerade nach dem Terroranschlag kurz vor Weihnachten in Berlin, einen bemerkenswerten Effekt der Abstumpfung in der Bevölkerung fest. Man wirft keine Fragen auf, sondern macht weiter wie bisher und verlässt sich auf den Schutz durch den bürgerlichen Staat. Man ruft sogar danach.

Wie viele Menschen, ob in den Großstädten oder auf dem Land, würden wohl heute zustimmen, wenn man sie fragt, ob die Polizei mehr Personal und bessere Ausrüstung braucht?

Die Frage ist rhetorisch, da die Besetzung der Innenstädte durch die Polizei wie an Silvester in Köln von weiten Teilen der Bevölkerung nicht nur stillschweigend akzeptiert, sondern ausdrücklich begrüßt wird: Siehe die vielen Dankeschön-Nachrichten an die Polizei in den sozialen Medien!

Das ist das Ergebnis der staatlichen Herangehensweise, die weiter oben als „political engineering‘ beschrieben wurde.

Unter ‚political engineering‘ fällt ganz konkret z.B. die gezielte Provokation durch die Kölner Polizei an Silvester mit ihrer „Nafri”-Nachricht bei Twitter. Nachdem rassistische Begriffe wie „Neger” und “Zigeuner” schon vor Jahrzehnten erfolgreich tabuisiert wurden, wird nun das Wort „Nafri”, das „“Nordafrikaner = Intensivtäter” suggeriert, von staatlicher Stelle für den öffentlichen Gebrauch freigegeben – und sofort massenhaft bei Facebook geteilt.

Nach jahrzehntelanger Arbeit am Denken und Fühlen der Bevölkerung ist es heute offensichtlich auch kein Problem mehr, wenn bewaffnete Uniformierte Reisende an einem deutschen Bahnhof nach Hautfarbe selektieren und ihnen unterschiedliche Türen zuweisen!

Die beschriebenen Erscheinungen sind in politischer Hinsicht Bestandteile einer Faschisierung durch den Staat. Methoden der Beeinflussung, die an den Emotionen ansetzen, sind hierfür sehr gut geeignet. Wieder können wir von Obamas Chefpsychologen lernen: „Geht es um politische Einschätzungen und Entscheidungen, schlägt das Herz den Verstand also um Längen. Ein Kandidat im Wahlkampf tut deswegen gut daran, die Gefühle der Bürger stärker anzusprechen als ihre Ratio. Dumm nur für einen überzeugten Demokraten wie Drew Westen, dass die Konservativen darin so viel besser sind als die eher verkopften Vertreter der eigenen Partei!”8

Angst vor Terror und Kriminalität wirkt emotional. Und es ist bequem, darauf zu vertrauen, dass ein starker Staat mit einer starken Polizei diese Probleme für einen regelt.

Es ist auch bequemer, Nordafrikaner für Kriminelle und Terroristen zu halten und zu hassen, als gegen die Kriminalität und den Terror des bürgerlichen Systems zu kämpfen.

Wie würden die Abstimmungen wohl ausgehen, wenn in einer solchen Gesamtlage das bürgerliche System seine Flexibilität einmal mehr unter Beweis stellt und Volksabstimmungen, z.B. über den Einsatz der Bundeswehr im Innern, abhalten lässt? Welche politischen Kräfte sind es denn nochmal, die sich solche Elemente direkter Demokratie im Moment auf die Fahnen geschrieben haben?

Rechtsentwicklung in den
prekarisierten Massen

Bisher haben wir von den Teilen der Massen gesprochen, die prinzipiell noch dem Staat oder der Polizei zumindest ein Grundvertrauen entgegenbringen. Was ist aber mit den prekarisierten Teilen, bei denen das nicht mehr der Fall ist, bei denen das politische System tatsächlich völlig diskreditiert ist und bei denen sich Hass und Aktivität entwickelt haben?

SoL (Sozialistische Linke) schrieb 2013 in ihrer Parlamentarismus-Erklärung9 zu den Banlieue-Aufständen: „Die Kraft, auf die wir uns stützen, das sind die ‚breitesten und tiefsten‘ Massen, die am meisten unterdrückten und ausgebeuteten. Das sind diejenigen, die regelmäßig mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, die die am schlechtesten bezahlten Arbeiten unter den widrigsten Arbeitsbedingungen leisten und unter ihnen besonders die Jugendlichen, die Frauen und die Migranten. Diese Massen waren es, die im letzten Jahrzehnt tatsächlich den Aufstand in den imperialistischen Ländern gewagt haben und sie werden es wieder so spontan und ungelenk tun, wenn die Revolutionäre sich nicht bewegen und ihre Aufgaben, solche Aufstände zu führen, erfüllen[…]”10

Hier müssen wir feststellen: Die Revolutionäre haben sich nicht bewegt und ihre Aufgabe nicht erfüllt. Aber es ist schlimmer gekommen als in dem Zitat vorhergesagt: Die Lücke, die die Revolutionäre gelassen haben, wurde schnell gefüllt: einerseits durch Kriminalität und Bandenwesen, andererseits durch Faschisten und Islamisten. Beide Teile sind wiederum miteinander verbunden und gehören zum bürgerlichen System.

Während wir also noch verkopft darüber diskutiert haben, ob das Wort „revolutionäre Gewalt” in einem Aufruf zu weitgehend ist für den Bewusstseinsstand der Massen, haben Salafisten in deutschen Vorstädten bereits Söldner für den Dschihad in Syrien rekrutiert. Auf rein rationaler Ebene ist das nicht zu erklären!

Auch in den präkarisierten Teilen der Massen haben die faschistischen Kräfte also an Einfluss gewonnen und bauen ihn aus. Das Entscheidende ist: Ob mit Religion, mit Gewaltverherrlichung oder irgendetwas anderem – es ist am Ende die Bourgeoisie, die mit dem Denken und Fühlen der Bevölkerung arbeitet und im Ergebnis auch in den Teilen die Führung behält, in denen sie eigentlich längst diskreditiert ist!

Rechtsentwicklung bei den
politischen Parteien

Die geschilderte Rechtsentwicklung in den Massen ist also keine spontane Bewegung, sondern geschieht unter dem Einfluss gezielter Maßnahmen der monopolistischen Bourgeoisie – die mit dem Begriff „political engineering” beschrieben werden kann.

Die Widersprüche des Kapitalismus zwingen die Herschenden, die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse zu verschärfen. Die ArbeiterInnenklasse merkt zwangsläufig, dass dieses System nicht ihr System ist. Das parlamentarische System, das Volksherrschaft vorgaukelt, wird zunehmend unglaubwürdig. Die Verankerung des Stellvertreterdenkens in den Massen (hinzu kommt eine gezielte Entpolitisierung) ist jedoch ein Hindernis für spontane Aktivität. Die Bourgeoisie geht in dieser Gesamtlage offensiv nach vorne, schon allein weil sie es muss: Einerseits durch Faschisierung, andererseits durch ideologische Vereinnahmung. Sie mobilisiert die Massen zum Erhalt des bürgerlichen Systems scheinbar “gegen das System”. Die faschistischen Parteien greifen die Ängste und den Hass der Massen auf und versuchen, ihn für die aggressiven Ziele der Bourgeoisie zu kanalisieren: Für mehr Staat und Polizei, für Krieg, usw.

Die Parteien, die ursprünglich zur Arbeiterbewegung gehört haben, sich aber an das bürgerlich-parlamentarische System gekettet haben, geraten im Zuge dieser Entwicklung in unauflösliche Widersprüche. Linke Reformisten, die den „Kapitalismus“ angreifen, dabei ihre Bindung an das bürgerliche System nicht aufgeben wollen, sind über kurz oder lang gezwungen, nach rechts, in Richtung des Faschismus zu rücken. Dass sie das in aller Regel auch tun, kann man heute an dem – an anderer Stelle schon erwähnten – Beispiel Sahra Wagenknechts beobachten.

Aber auch links von der Linkspartei, in der politischen Widerstandsbewegung, sehen wir bemerkenswerte Entwicklungen nach rechts: Bis hin dazu, dass die Forderung nach mehr Sicherheit durch mehr Polizei in proletarischen Stadtvierteln erhoben wird.

Vertreter dieser Positionen machen sich in der Konsequenz – und größtenteils ungewollt – zu Marionetten eines Staates, der es immer besser gelernt hat, die unterschiedlichen und widerstrebenden gesellschaftlichen Akteure politisch in seinem Sinne zu steuern. Im besten Fall verurteilen sie sich damit selbst zur völligen Belanglosigkeit. Ein trauriges Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist das jahrelange, ehrliche Engagement zahlreicher Antifaschisten aus DKP, VVN und lokalen Bündnissen, den Staat um ein Verbot der NPD zu bitten. Dort ist die ganze Arbeit hineingeflossen – und heute marschiert Pegida und die AfD zieht in die Parlamente…

Was heißt das für uns?

Der Staat und seine faschistischen Anhängsel sind, was die Stimmungen in den Massen angeht, schon seit langem viel mehr auf der Höhe der Zeit als alle Kräfte der linken politischen Widerstandsbewegung zusammengenommen. Sie haben weitestgehend ohne wirksame Gegenwehr bestimmt, was heute gedacht und gefühlt wird.

Wenn wir dem etwas entgegensetzen wollen, ist es der erste und wichtigste Schritt, uns von allen Illusionen über den Staat freizumachen. Das bedeutet, sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus über den Staat wirklich ernsthaft anzueignen. Und das bedeutet, die Illusionen über den Staat und das bürgerliche System auch in unseren Gewohnheiten und politischen Routinen aufzuspüren.

Zweitens haben wir die Aufgabe, die Methoden der strategischen Kommunikation bzw. des “political engineering” genau zu studieren, die der Staat heute zur Anwendung bringt – und uns ebenso wissenschaftlich und planmäßig zu erarbeiten, was wir dem entgegensetzen.

Drittens wirft diese Ausrichtung dann einige Fragen auf, die schnell auf einen Tabubruch hinauslaufen. Die Überlegung, ob man als KommunistIn / RevolutionärIn den von den Faschisten in die Massen getragenen Begriff „Lügenpresse“ verwenden darf, mag dies beispielhaft verdeutlichen. Der linke Mainstream wird aufschreien: Das geht ja nun gar nicht! Auch wir haben erhebliche Bauchschmerzen dabei. Andererseits muss man auf taktischer Ebene anerkennen, dass der Begriff „Lügenpresse“ immerhin eine objektive Wahrheit ausdrückt. Als KommunistInnen können wir nicht aufhören, die Wahrheit zu propagieren, nur weil die FaschistInnen aus demagogischen Gründen in bestimmten Elementen ebenfalls darauf zurückgreifen. Wir können und werden natürlich nicht die Lüge verbreiten, dass die monopolisierten Medienkonzerne im Imperialismus die Wahrheit verbreiten, nur um uns von den Faschisten abzugrenzen.

Viertens ist damit aber ein viel tiefergehendes Problem verbunden als nur der Streit um Worte und deren Inhalt (z.B. beim Begriff „Terrorismus“) mit der Konterrevolution. Philosophisch gesehen ist der Kommunismus sowohl ein Kind der bürgerlichen Aufklärung wie auch ihre Vollendung: Indem Marx und Engels die wissenschaftliche Methodik von Hegel, die Dialektik, vom Kopf auf die Füße gestellt haben, haben sie der Wissenschaft und Rationalität durch ihre Anwendung auf gesellschaftliche Fragen zum ultimativen Durchbruch verholfen. Die Wahrheit wird siegen und der Marxismus-Leninismus ist im Bezug auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft die wissenschaftliche Wahrheit.

So einfach, wie die bürgerliche Aufklärung sich in der Tradition von Lessings ‚Nathan, der Weise‘11 die Sache vorstellt – nämlich: die Wahrheit müsse nur erkannt und verbreitet werden – liegen die Dinge aber nicht. Auch viele KommunistInnen denken in dieser Weise, wie die gesellschaftliche Praxis zeigt. Es mag jedoch zwar für einige Dichter und Denker ein sinnstiftender Lebenszweck sein, nach der Wahrheit zu streben. Aber Unterdrücker wie Unterdrückte kämpfen nicht für die Wahrheit, sondern für sehr subjektive Interessen. Ob und wie engagiert sie einen unbarmherzigen Klassenkrieg ausfechten, hat eben deshalb nicht nur mit der Wahrheit, mit Rationalität und Wissenschaft sondern auch viel mit Emotionen und Psychologie zu tun.

Was wäre also, wenn wir uns nicht damit begnügen können, über die Mechanismen des ‚political engineering‘ und der ‚hybriden Kriegsführung‘ aufzuklären. Was wäre, wenn aus der Aufklärung und Wahrheit allein keine gesellschaftliche Änderung folgt?

Die Schlussfolgerung muss sein, dass wir als Kommunisten nicht nur aufklären, erklären, analysieren und herleiten dürfen. Es ist unsere Aufgabe unsere Agitation und Propaganda auf die Höhe der Zeit zu heben, sodass es uns gelingt nicht nur den Kopf sondern auch die die Gefühle und Wünsche der Menschen anzusprechen; sodass es gelingt, den revolutionären Geist, die Gefühle und Hoffnungen bei denen zu wecken, mit denen wir gemeinsam die Revolution durchführen werden. Unsere grundlegende Richtschnur muss dabei stets sein und bleiben, die Menschen zum selbstständigen Denken und zum bewussten Kampf zu aktivieren.

1Siehe unten

2http://komaufbau.org/sun-tsu-besucht-garmisch-hybride-kriegsfuhrung-im-21-jahrhundert/

3 Steingart, “Weltbeben”, Knaus Verlag 2016, S. 169 f.

4Ebd.

5“Das politische Gehirn”, zu finden unter: www.dasgehirn.info/handeln/das-politische-gehirn/herz-schlaegt-verstand-6174}

6aus: R. Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften”

7Vgl. https://www.rotefahne.info/rote-fahne/2016/nr10/wie-die-afd-salonfaehig-gemacht-wird

8Ebd.

9Siehe Artikel “Die Bundestagswahlen 2017:Was ist der Parlamentarismus und warum bekämpfen wir ihn?“ aus dieser Ausgabe

10„Erklärung von SoL zur Wahlboykottkampagne”, zu finden unter: http://trend.infopartisan.net/trd0813/t290813.html

11Bekanntes Drama der Aufklärung (veröffentlicht 1779).

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