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Revolutionäres Denken, Fühlen und Handeln

Das Handwerkszeug für RevolutionärInnen

Als Kommunistinnen und Kommunisten haben wir ein klares Ziel vor Augen: Eine befreite Gesellschaft, in der niemand ausgebeutet oder unterdrückt wird. Unser Ziel ist der Kommunismus. Nur in dieser Gesellschaft kann der neue Mensch entstehen, welcher alle negativen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Denkmuster aus der bürgerlichen Gesellschaft überwunden hat. Nur dort kann all das, wofür wir kämpfen, in letzter Konsequenz umgesetzt werden. Nur dort wird es keine Angriffe mehr von innen und außen geben. Nur dort werden wir uns voll und ganz auf die Erfüllung der Bedürfnisse aller Menschen konzentrieren können. Bis wir dort ankommen ist es sicher noch ein langer Weg. Es ist vor allem ein Weg vieler großer und kleiner Kämpfe: Gesellschaftliche Kämpfe, Kämpfe innerhalb der Partei und Kämpfe mit uns selber.

Wir wollen in diesem Artikel auf ein zentrales Thema der revolutionären und kommunistischen Bewegung eingehen. Wir werden uns im kommenden damit beschäftigen, welches „Handwerkszeug“ wir als RevolutionärInnen, individuell und im Kollektiv, benötigen, um das oben genannte Ziel zu erreichen. Sicherlich mögen die Eigenschaften, das Denken, Fühlen und Handeln je nach historischer und gesellschaftlicher Lage der Kämpfe unterschiedlich sein und auch Unterschiedliches von uns verlangen. Wir wollen jedoch trotzdem versuchen, einen Überblick über das Thema zu geben. 

Als Kommunistinnen und Kommunisten streben wir den Aufbau lebendiger Kollektive an, welche als Teile der ArbeiterInnenklasse in den unterdrückten Massen leben und arbeiten. Nur wenn unsere Kollektive und wir als revolutionäre Individuen auf den verschiedensten Ebenen mit der Klasse verschmolzen sind, können wir diese aktivieren, politisieren und organisieren. Nur dann können wir zu natürlichen VertreterInnen ihrer Interessen und zur führenden politischen, organisatorischen und ideologischen Kraft unserer Klasse werden. 

Im Gegensatz zur Mitgliedschaft in bürgerlichen (und auch in revisionistischen Organisationen) gibt es in revolutionären und kommunistischen Organisationen weder eine passive Mitgliedschaft, noch Stellungen in der Organisation, von denen man persönlich profitieren kann. Jedes Mitglied einer kommunistischen Organisation ist aktiver Teil des Kollektivs und seiner praktischen, theoretischen und organisatorischen Arbeit. Es muss das Ziel dieses Kollektivs sein, jedes Mitglied größtmöglich in die bevorstehenden Arbeiten einzubeziehen und ihm/ihr die Möglichkeit zu geben, anhand der zu meisternden Aufgaben sich selbst und andere weiterentwickeln zu können. Wir müssen uns also dauerhaft entwickeln und in diesem Sinne unsere revolutionäre Arbeit professionalisieren. Dieses Konzept ist die einzige Möglichkeit, das angestrebte Ziel zu erreichen. Es ist deshalb ein Konzept, welches aus der Einsicht in die Notwendigkeit entsteht. Die Organisation der RevolutionärInnen muss deshalb aus KaderInnen bestehen, welche ihre Fähigkeiten, ihre Stärken und Talente in einem lebendigen Kollektiv einbringen und entwickeln können. 

Um uns selbst und andere als KaderInnen entwickeln zu können, müssen wir zunächst einmal wirklich dazu bereit sein, uns selber verändern zu wollen. Selbst wenn es uns schwer fällt, wir müssen auch gegen die in uns versteckten bürgerlichen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Denkmuster ankämpfen. Wir müssen einen energischen Kampf gegen die Verinnerlichung dieser Anhängsel der bürgerlichen Gesellschaft führen, um sie nach und nach aus unserem Denken, Fühlen und Handeln zurückzudrängen. 

Allein wenn wir das oben gesagte ernst nehmen, dann sehen wir einen gigantischen Widerspruch zu der Praxis in vielen sich als revolutionär oder kommunistisch verstehenden Organisationen und Gruppen in Deutschland. Hier ist Politik meist ein Hobby von Jugendlichen, die in bestimmten Bereichen und für einen bestimmten Zeitabschnitt in ihrem Leben gegen die Normen des bürgerlich-kapitalistischen Systems rebellieren. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Gruppen meist aus sozialen Zusammenhängen bestehen und dass es gerade oder hauptsächlich diese Bande sind, die sie zusammen halten. Folglich herrschen hier Freundeskreise und Gangstrukturen vor. So setzen sich dann auch nicht die fortschrittlichsten Ideen, Konzepte und Vorschläge durch, sondern diese werden oftmals nach Lust und Laune und dem sozialen Status des/r Vorschlagenden bewertet. Es ist nur logisch, dass patriarchale Strukturen hier reproduziert werden. Die selbst gegebenen Prinzipien werden, wenn es um die eigenen Freunde geht, schneller über Bord geworfen als viele sich vorstellen mögen. Diese Kritik darf nicht falsch verstanden werden. Natürlich kann kein lebendiges Kollektiv ohne funktionierende soziale Beziehungen bestehen. Aber diese können nicht die gemeinsame Grundlage für den Kampf gegen das kapitalistische System und seine patriarchalen Strukturen bilden. Hier braucht es eine ideologisch-politische Grundlage und ein sich entwickelndes Klassenbewusstsein, sonst wird man nie über den Stand einer Freundesgruppe oder einer Straßengang hinaus kommen. Sonst wird man nie das strategische Problem der Kontinuität lösen können. Sonst wird man weder die notwendige Entwicklung der KaderInnen, noch den Aufbau eines ganzen Geflechts von Organisationen und Organen in Angriff nehmen können, welche für den Aufbau einer entwickelten Kommunistischen Partei notwendig sind. 

Wir wollen im folgenden auf einige wichtige Aspekte der KaderInnenentwicklung eingehen, welche wir zentral für die positive Entwicklung von AktivistInnen hin zu in den Massen verankerten kommunistischen FührerInnen erachten. Sicherlich sind diese Punkte weder vollständig, noch abgeschlossen. Sie sollen eine erste Annäherung an ein Thema sein, welches in Deutschland seit vielen Jahren kaum beachtet wird und in der Praxis oftmals zu dogmatischen und schematischen Verallgemeinerungen geführt hat. Wir wollen dem ein lebendiges und sich entwickelndes Verständnis von KaderInnen entgegensetzen. Ebenso wollen wir mit den Anforderungen an sie umgehen und ihre Ausbildung und Entwicklung in der Praxis angehen. 

Allseitiges Verständnis des
Marxismus-Leninismus und
des dialektischen Materialismus

Es mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, doch das ist es mitnichten! Die wirkliche Aneignung und Verinnerlichung der zentralen Lehren der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und des dialektischen Materialismus als Werkzeug zur Erkenntnis und Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen, ist eine zentrale Eigenschaft, welche wir als Kommunistinnen und Kommunisten uns aneignen müssen. Dabei geht es nicht um schematisches Auswendiglernen von Büchern und Schriften, die vor 50, 100 oder noch mehr Jahren geschrieben worden sind. Es geht um das Studium der marxistischen Prinzipien, Strategien und Taktiken, um sie auf die heutigen Gegebenheiten, in der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Land anwenden zu können. Es geht darum, die auch heute gültigen zentralen Aspekte herauszuarbeiten und den Marxismus-Leninismus durch seine Weiterentwicklung auf die Höhe der Zeit zu heben. Das richtige Verständnis der dialektisch-materialistischen Methode soll uns dabei helfen, nicht in Schematismus und Dogmatismus zu verfallen, sondern den Marxismus-Leninismus als das zu verstehen und zu benutzen was er ist, eine Anleitung zum Handeln, eine Anleitung zur Befreiung der Menschheit vom Joch der Unterdrückung und Ausbeutung. Dazu gehört auch die Aufgabe jedes/r einzelnen KommunistIn, neue Entwicklungen auf ökonomischer, politischer und naturwissenschaftlicher Basis zu analysieren und die Theorie und Praxis an diesen Erkenntnissen weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch die Geschichte der kommunistischen und ArbeiterInnenbewegung zu analysieren und aufzuarbeiten, um vergangene Fehler zu erkennen, zu benennen und nicht wieder zu begehen. Die Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus und die Fehleranalyse der Vergangenheit sind zwei zentrale Elemente, die in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere in Deutschland, aber auch weltweit sträflich vernachlässigt wurden. Gerade in Zeiten, in denen selbst in der revolutionären und kommunistischen Bewegung viele antikommunistische Ansichten vorherrschen, gilt es für kommunistische Organisationen und insbesondere für ihre KaderInnen die historischen Fehler zu analysieren und anzuerkennen und die Erfolge und Errungenschaften offensiv zu verteidigen.

Kritik und Selbstkritik
als Entwicklungskonzept

Wird Kritik in der bürgerlichen Gesellschaft als etwas schlechtes, als etwas negatives eingeschätzt, was man unbedingt vermeiden sollte, so ist das bei uns KommunistInnen vollkommen anders. Systematische und organisierte Kritik und Selbstkritik sind notwendig für die dauerhafte und positive Entwicklung jedes revolutionären Kollektivs und jedes revolutionären Individuums. Weder Kritik noch Selbstkritik dürfen dabei jemals einen vernichtenden und destruktiven Charakter haben. Vielmehr müssen sie der positiven Weiterentwicklung und Veränderung der eigenen Identität, des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns dienen. Sie müssen das Individuum nach vorne treiben und das Kollektiv als ganzes entwickeln. Kritik und Selbstkritik müssen ein Mittel sein, um Probleme zu lösen und dürfen nicht dazu führen, dass sie sich vertiefen und verfestigen. Kritik ist nichts, womit wir jemanden abstrafen wollen, oder die wir nur um der Kritik willen üben, sondern ein revolutionäres Werkzeug, dessen Gebrauch wir richtig erlernen müssen. Entgegen des bürgerlichen Verständnisses sehen wir KommunistInnen die Kritik und Selbstkritik als etwas Positives. Uns kann es dabei nicht darum gehen, jede Kritik von uns abzuweisen, sondern aus dieser zu lernen, uns selbst zu verändern.

In dem kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B) heißt es zur Kritik und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz: „Die Partei ist unbesiegbar, wenn sie Kritik und Selbstkritik nicht fürchtet, wenn sie die Fehler und Mängel ihrer Arbeit nicht verkleistert, wenn sie an den Fehlern der Parteiarbeit die Kader erzieht und schult, wenn sie es versteht, ihre Fehler rechtzeitig zu korrigieren.

Die Partei geht zugrunde, wenn sie ihre Fehler verheimlicht, wunde Punkte vertuscht, ihre Unzulänglichkeiten bemäntelt, indem sie ein falsches Bild wohlgeordneter Zustände zur Schau stellt, wenn sie keine Kritik und Selbstkritik duldet, sich von dem Gefühl der Selbstzufriedenheit hingibt und auf ihren Lorbeeren auszuruhen beginnt.“1

Diese allgemeine Definition gilt auch heute für alle revolutionären und kommunistischen Organisationen, Kollektive und Individuen. Nur durch schonungslose, aber konstruktive Kritik, nur durch das Ernstnehmen und Abwägen jeder Kritik, auch wenn von ihr nur 10 Prozent zutreffend sein sollten, kann es Entwicklung geben. Kritik und Selbstkritik sind für uns KommunistInnen scharfe Waffen im Prozess der Selbstveränderung, im Parteiaufbau und im revolutionären Kampf zum Sturz des kapitalistisch-imperialistischen Systems. 

Veränderungsbereitschaft und Selbstrevolutionierung 

Wir alle wachsen auf in einem System, welches uns unserer Menschlichkeit beraubt. Mit Konkurrenz, Egoismus, Patriarchat; mit Selbstverliebtheit, fehlender Selbstkritik, bürgerlichen Idealen und Moral werden wir erzogen und „sozialisiert“. Dabei kann man die Anhäufung dieser bürgerlich-reaktionären Eigenschaften sicher nicht als sozial bezeichnen. 

Wenn wir uns zu RevolutionärInnen, zu kommunistischen KaderInnen entwickeln wollen, dann müssen wir als allererstes bei uns selbst eine wirkliche und in die Tiefe gehende Bereitschaft zur Selbstveränderung erreichen. Wir müssen uns selbst von der Notwendigkeit, uns von allen bürgerlichen Eigenschaften, Ideen und Vorstellungen zu befreien, überzeugen und der bürgerlichen Sozialisierung unsere revolutionären Werte, Vorstellungen und Ideen gegenüberstellen. Wir müssen einen konsequenten (individuellen, wie kollektiven) Kampf gegen unsere versöhnlerischen und liberalen Verhaltensweisen führen. Wir müssen dagegen ankämpfen, immer den einfachsten Weg oder den des geringsten Widerstands zu nehmen, sondern unsere Persönlichkeit von Grund auf verändern. Wir müssen uns dabei nicht nur bereit zeigen uns zu verändern, sondern uns jeden Tag wieder aktiv einem Prozess der Selbstrevolutionierung unterziehen. 

Sicherlich werden wir immer wieder in alte, bürgerliche Verhaltensweisen zurück fallen, aber wenn wir in dem Prozess der Selbstveränderung und der Selbstrevolutionierung ein Bewusstsein für unser Denken, Fühlen und Handeln entwickeln, dann können wir uns auch dauerhaft der bürgerlichen Entmenschlichung widersetzen und schon heute damit beginnen, die Keimform eines sozialen, eines sozialistischen Menschen zu leben.

Bewusstsein:
Klassenbewusstsein, Feindbewusstsein, Geschlechtsbewusstsein

Die Fähigkeiten, welche wir als RevolutionärInnen brauchen, können wir uns nicht einfach anlesen. Sie erlangen wir nicht allein durch das Studieren marxistisch-leninistischer Bücher, Texte und Broschüren. Das für uns sicher mit am meisten relevante Werkzeug ist unser Bewusstsein für den revolutionären Kampf. 

Wir können das Bewusstsein, welches uns als RevolutionärInnen und KommunistInnen in unserer politischen, ideologischen und organisatorischen Arbeit leitet, funktional in drei Bereiche unterteilen: Klassenbewusstsein2, Feindbewusstsein und Geschlechtsbewusstsein. 

Mit Hilfe des Klassenbewusstseins erkennen wir nicht nur die materiellen Existenzbedingungen, ihre Stellung in Produktion und Gesellschaft und dadurch die objektiven Interessen unserer Klasse. Es ist auch notwendig, damit die Klasse sich zu einer politischen Kraft vereinigen und für ihre gemeinsamen Interessen kämpfen kann. Nur wenn wir selbst ein Bewusstsein über unsere eigene Klassenlage haben, nur wenn wir unsere eigene Realität erkennen, können wir auch einen Beitrag dazu leisten, die Klasse zu aktivieren, zu politisieren und zu organisieren. 

Ein Bewusstsein für die Arbeit des Feindes, für seine Interessen, Ziele, und Methoden ist für eine erfolgreiche und ernsthafte revolutionäre Arbeit unerlässlich. Das Feindbewusstsein lässt uns die Regeln der sicheren und wo notwendig konspirativen Arbeit erlernen und verinnerlichen. Nur wenn uns wirklich bewusst ist, gegen wen und warum wir gegen wen kämpfen, können wir uns entsprechend verhalten. Gleichzeitig schärft das Feindbewusstsein unsere Sinne gegen die Angriffe des Feindes und lässt uns unsere eigenen Strukturen dadurch besser schützen. Es hilft uns gegen ein mögliches Zurückfallen in liberalistische und versöhnlerische Verhaltensweisen. Es hilft uns, nicht dem Gedanken zu verfallen, wenn ich doch nur einmal gegen die eigenen Sicherheitsregeln verstoße, das tut doch niemandem weh. Doch genau auf diese Fehler und Leichtsinnigkeiten wartet unser Klassenfeind, darum müssen wir ein umfassendes Feindbewusstsein bei uns und unseren GenossInnen schaffen. Zum Feindbewusstsein gehört auch, Integrationsangebote des Systems zu erkennen und zurückzuweisen. Ohne dass der freundliche Sozialarbeiter oder lokale Gewerkschaftsvorsitzende gleich zum „Feind“ gehören muss, stellen sie doch die Integrationsscharniere dar, die uns wieder in das System zurückholen sollen. Gerade in Deutschland müssen wir uns der Gefahr der sozialdemokratischen Integration bewusst sein und diese in unserer Praxis und kollektiven Erziehung beachten.

Als dritten und sicher bisher auch von der revolutionären und kommunistischen Bewegung am meisten vernachlässigten Teil des notwendigen Bewusstseins, sehen wir das Geschlechtsbewusstsein. Das Patriarchat ist eines der ältesten Unterdrückungssysteme der Welt. Es besteht seit mehreren tausend Jahren und ist damit in der menschlichen Geschichte und Sozialisation einer der am tiefsten verankerten Unterdrückungsmechanismen. Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft zusätzlich zu den Klassenunterschieden in Geschlechter und bringt den Männern scheinbar „natürliche Privilegien“. Auch wir als RevolutionärInnen und KommunistInnen sind keinesfalls frei von patriarchalen Verhaltensweisen, Denkmustern und Handlungen. Um so stärker müssen wir uns ein Geschlechtsbewusstsein erkämpfen. In all unseren Gedanken, unserem Verhalten und unseren Handlungen müssen wir uns unserer Geschlechterrolle in diesem System bewusst sein. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir als Mann mit Privilegien ausgestattet und zur Unterdrückung der Frau erzogen und sozialisiert wurden. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir als Frau zu Unterwürfigkeit und Gehorsam erzogen wurden, dazu da dem Manne zu dienen. Erst wenn wir uns dieser gesellschaftlichen Rollenverteilung, in all ihren Facetten bewusst werden, können wir unser eigenes Denken, Fühlen und Handeln hinterfragen und angreifen. Dazu gehört auch zu realisieren, dass patriarchale Strukturen, Geschlechtsbilder und Rollenverteilungen sich auch in revolutionären Organisationen reproduzieren, wenn man nicht offensiv und konsequent gegen sie ankämpft. Als KommunistInnen müssen wir ebenso die Rechte der LGBTI-Bewegung verteidigen, gegen ihre Unterdrückung ankämpfen und ihnen in unseren Strukturen Organisationsmöglichkeiten bieten.

Gerade der Kampf um ein wirklich umfassendes Geschlechtsbewusstsein erfordert die Beherrschung und Umsetzung der Methoden der Kritik und Selbstkritik, sowie die Bereitschaft, sich selbst zu verändern, sich selbst zu revolutionieren und alle bürgerlichen Werte, Moralvorstellungen und Verhaltensweisen einzureißen. 

Nur durch das Zusammenkommen dieser drei Bereiche des politischen Bewusstseins können wir uns wirklich zu RevolutionärInnen und KommunistInnen entwickeln.

Organisiertheit, Planmäßigkeit,
Disziplin, Militanz

Bereits im Jahr 1902 schrieb Lenin in seinem bis heute zu recht viel beachtetem Werk „Was tun?“ den Ausruf: „Gebt uns eine Organisation von Revolutionären und wir werden Russland aus den Angeln heben!“ Dieser Satz gilt auch für unsere Situation und unseren Kampf. Doch was heißt Organisation? Eine Organisation von RevolutionärInnen ist nicht nur ein dichtes Geflecht von verschiedenen Organen und Organisationen, sondern sticht vor allem durch seine Eigenschaften und die seiner Mitglieder heraus. 

Wir wollen hier vier Eigenschaften von RevolutionärInnen nennen, die wir für die Entwicklung eines/r KommunistIn im Bezug auf seine Arbeit und die Organisation für essenziell halten. Organisiertheit, Planmäßigkeit, Disziplin und Militanz müssen das Denken und Handeln jeder/s RevolutionärIn in allen Bereichen des Lebens bestimmen. 

Wenn wir uns einem Feind wie dem deutschen Imperialismus gegenüber sehen, dann wird schnell klar, weshalb diese Eigenschaften in unserem Kampf, um unser Ziel zu erreichen, unentbehrlich sind. Uns gegenüber steht ein hochgerüsteter und in der Bekämpfung und Zerschlagung von revolutionären Kämpfen erprobter Staat. Ihm stehen alle denkbaren technischen, finanziellen und personellen Möglichkeiten zur Verfügung, um gegen uns vorzugehen. 

Dem setzen wir unsere Organisiertheit und Planmäßigkeit als KommunistInnen gegenüber. Durch unseren Zusammenschluss in einer demokratisch-zentralistischen Organisation handeln wir in unserer politischen Praxis nach einer einheitlichen Analyse der politischen Situation und einem einheitlichen Plan. Das stärkt uns gegenüber diesem übermächtigen Feind. Dies ist eine Grundvoraussetzung für jegliche revolutionäre Arbeit, welche nicht in Handwerkelei und in regionalistischen Interessen versumpfen soll. 

Ergänzt werden müssen Organisiertheit und Planmäßigkeit durch die Eigenschaften der Disziplin und Militanz. Doch entgegen dem sklavischen Gehorsam der bürgerlichen Armeen, Polizeien, Geheimdienste und Beamtenapparate liegt unserer Disziplin als RevolutionärInnen die Einsicht in die Notwendigkeit zu Grunde. Wir handeln diszipliniert in dem Sinne, wie wir uns den Mehrheitsbeschlüssen der Partei voll und ganz unterwerfen und sie mit größtem Eifer und Einsatz versuchen, in die Realität umzusetzen. Wir können hier in scharfer Abgrenzung der bürgerlichen Disziplin im negativen Sinne, die bewusste Disziplin der RevolutionärInnen im positiven gegenüberstellen. 

Als RevolutionärInnen sind wir „Militante der Revolution“. Militanz hat für uns als KommunistInnen eine vielschichtige Bedeutung. Sie hat nicht nur eine militärische Seite, bei der Militanz oftmals platt mit Gewalt gleichgesetzt wird, sondern vor allen Dingen eine organisatorische Seite. Militanz heißt für uns in erster Linie bewusst die Konsequenzen unseres Handelns wahrzunehmen. Militanz heißt für uns vor allem konsequent zu sein, in dem was wir Denken, Fühlen und wie wir handeln. 

Militante“ zu sein, heißt für uns aber auch, keine undialektische und künstliche Trennung zwischen „Politischem“ und „Privatem“ zu machen. Alle Eigenschaften, die wir als KommunistInnen uns aneignen und die wir unseren bürgerlichen Angewohnheiten entgegensetzen müssen, müssen wir in allen Lebenslagen ausleben. Wie kann ich eine organisierte, planmäßige Revolutionärin sein, wenn ich in meiner Wohngemeinschaft oder im Sportverein vollkommen unzuverlässig bin? Wie kann ich diszipliniert und konsequent meine politischen Aufgaben durchführen, wenn gleichzeitig mein Zimmer aussieht, als wäre gerade ein Wirbelsturm hindurchgefegt? Wie wollen wir das Vertrauen der unterdrückten Massen, der ausgebeuteten ArbeiterInnenklasse gewinnen, wenn wir selbst das, was wir propagieren, nicht konsequent leben? 

Kollektivität und Solidarität

Niemand kann sich selbst, kann sich alleine und abgekapselt als KommunistIn entwickeln. Wer dauerhaft ohne ein lebendiges sich entwickelndes und arbeitendes Kollektiv ist, bleibt auch in seiner Entwicklung als RevolutionärIn zurück. Eine/n unorganisierte/n KommunistIn, dauerhaft getrennt von einem Kollektiv gibt es nicht. Sicher mag es Situationen geben, in denen wir als KommunistInnen in Situationen kommen, in denen wir eine Zeit lang keinen Kontakt zu unserem Kollektiv halten können, in denen der Feind eine Kontaktaufnahme unmöglich macht. Aber genauso klar ist, dass wenn wir als KommunistInnen eine Organisation verlassen, so verlieren wir damit auch einen Teil unserer revolutionären Identität und Entwicklungsmöglichkeiten. Ein kommunistisches Kollektiv entwickelt sich durch die einzelnen GenossInnen und die GenossInnen werden durch das kommunistische Kollektiv weiterentwickelt. 

Die andere Seite der Kollektivität ist die Solidarität. Ein solidarischer Umgang mit unseren GenossInnen, anderen RevolutionärInnen, ebenso wie mit unseren noch nicht organisierten und politisierten Klassengeschwistern und den unterdrückten Massen ist ein Maßstab unserer Glaubwürdigkeit. Wir dürfen als KommunistInnen nicht als Besserwisser oder gar als „alles wissende Intellektuelle“ daher kommen, die kluge Ratschläge geben und dann wieder verschwinden. Wir müssen uns zur ersten Anlaufstelle der Probleme unserer Klasse entwickeln, um sie gemeinsam und solidarisch bekämpfen zu können.

Unsere Solidarität ist dabei nicht nur auf befreundete RevolutionärInnen und unsere lokale ArbeiterInnenklasse beschränkt, sondern sie ist ihrem Charakter nach internationalistisch. Als KommunistInnen fühlen wir den Kampf und den Schmerz der Unterdrückung unserer Klasse weltweit. Ebenso sehen wir die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse und der unterdrückten Massen weltweit als die unsrigen an. Eben danach organisieren wir uns auch und lassen unsere Solidarität praktisch werden. Als KommunistInnen liegt es an uns, einen solidarischen internationalen Austausch an Erfahrungen und Problemen zu organisieren und uns insbesondere der internationalen Repression gemeinsam und geschlossen gegenüber zu stellen.

Strategisches und taktisches Denken

Neben persönlichen Eigenschaften, die wir für revolutionäres Handeln und Leben brauchen, gilt es für RevolutionärInnen in den richtigen Momenten die richtigen Entscheidungen zu treffen und unsere Verantwortung auf verschiedenen Ebenen wahrzunehmen. Uns muss klar werden, wann welche Arbeiten den revolutionären Aufbauprozess nach vorne bringen und welche Felder und Aufgaben wann unser Hauptaugenmerk brauchen und welche Aufgaben zur Zeit eher nebensächlich sind. Wir müssen unsere Handlungen und unser Denken anhand der allgemeinen Strategie auf dem Weg zur Revolution und der für unsere Organisation in der jeweiligen Situation passenden Taktik anpassen. Wir müssen die jeweiligen Elemente von Strategie und Taktik verinnerlichen, um nicht in Handwerkelei oder Voluntarismus zu verfallen, sondern aufgrund von stichhaltigen, ja wissenschaftlichen Analysen unseren Weg zu bestimmen und konkret danach zu handeln.

Wir können noch so ernsthafte und fleißige RevolutionärInnen sein, wenn wir nicht lernen unser Denken, Fühlen und Handeln an unserer Strategie und Taktik auszurichten, werden wir kaum vom Fleck kommen und die vor uns stehenden Aufgaben nicht erfüllen können. Ohne die Unterscheidung zwischen strategischen und taktischen Elementen in unserer praktischen Arbeit werden wir uns nicht entwickeln und uns nur im Kreis drehen. 

Brücken ins
bürgerliche System einreißen

Es ist einfach gesagt, doch in der Realität um so schwerer umzusetzen. Wenn wir es schaffen wollen, uns als RevolutionärInnen und KommunistInnen immer weiter zu entwickeln und nicht zurück zu fallen, dann müssen wir die Brücken zurück ins bürgerliche System hinter uns einreißen, dann müssen wir die tausenden Fäden zerschneiden, die uns mit diesem System verbinden.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht die einmalige Entscheidung gibt, nun werde ich RevolutionärIn und nichts führt mich zurück, nichts integriert mich wieder in dieses System. Nein, jeder Tag, insbesondere in den imperialistischen Zentren, in denen wir leben, ist ein Kampf gegen unsere bürgerlichen Eigenschaften, ist ein Kampf gegen die (Re-)integration in das bürgerliche System. 

Dabei sind die Umstände, die uns vom Losreißen vom bürgerlichen System abhalten, die uns festhalten lassen an bürgerlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen sehr unterschiedlich. Bestimmende Faktoren können dabei zum Beispiel Familie, Beziehung, Job, finanzielle Sicherheit und vieles mehr sein. Wir wollen hiermit keinesfalls sagen, dass RevolutionärInnen und KommunistInnen grundsätzlich keine Familie, keine Beziehung, keinen Job, keine feste Wohnung oder ähnliches haben dürfen. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Dinge uns angreifbar machen und uns nicht zuletzt an das bestehende System fesseln.

Als KommunistInnen ist es unsere Aufgabe, für jeden Menschen, der bereit ist, auch nur eine Kleinigkeit für den revolutionären Kampf zu tun, einen Platz in der revolutionären Bewegung zu finden. Auch die GenossInnen, welche weit entfernt sind von den oben beschriebenen Eigenschaften, oder die sich selbst sehr enge Grenzen setzen, die sie nicht zu überwinden bereit sind, sind unverzichtbarer Teil des revolutionären Klassenkampfes. Jede Aufgabe im Klassenkampf hat bestimmte Ansprüche an die Menschen, welche sie realisieren sollen. Eben nach diesen Ansprüchen müssen wir die jeweils am besten geeigneten GenossInnen dafür auswählen. So wird es sicher kein Problem sein, wenn ein/e lokale KaderIn, welche zuständig für die offene, klassenkämpferische Arbeit in ihrem Stadtteil ist, gleichzeitig eine Familie hat, welcher sie gegenüber Verantwortung trägt. Bestimmte nicht offene oder nicht legale Arbeiten würden sich hier aber eher ausschließen. Wenn wir also von Ansprüchen an GenossInnen reden, dann müssen wir diese anhand der bevorstehenden Aufgaben festmachen und nicht mit einem grundsätzlich und schematisch feststehendem Verständnis, an dem nicht gerüttelt werden kann. Damit würden wir zu lebensfernen DogmatikerInnen und würden viele gute und wichtige GenossInnen aus unseren Reihen verlieren.

Genauso offensichtlich ist es aber, dass wir diesen Kampf nicht gewinnen können, wenn es nicht zahlreiche RevolutionärInnen, zahlreiche organisierte KommunistInnen gibt, die ihr Leben voll und ganz der Revolution widmen. Die sich auf ihre Aufgaben stürzen, ohne jeglichen Rettungsring, die sich von äußeren und inneren Einflüssen nicht von ihrer Arbeit ablenken lassen. Wir brauchen eine möglichst hohe Anzahl an BerufsrevolutionärInnen, welche entsprechend den genannten Beispielen ihr Denken, Fühlen und Handeln revolutionieren und sich ganz in den Dienst der Revolution, in den Kampf um die Befreiung des revolutionären Proletariats stellen.

1 Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang, S. 437

2 Der Begriff Klassenbewusstein ist hier sehr eng gefasst, er soll aber nicht dem grundsätzlichen Verständnis des Klassenbewusstseins als bewusste Verinnerlichung und Anwendung des Marxismus-Leninismus in Theorie und Praxis widersprechen.

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