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Über das Leben als kommunistischer Unterdrücker… – Beitrag der Männer des Kommunistischen Aufbau

Wir in den vorherigen Artikel dieser Zeitung aufgezeigt wird, leben wir nicht nur in einer kapitalistischen, sondern zugleich in einer patriarchalen Gesellschaft. Wir können das Patriarchat knapp als System der Männerherrschaft definieren, in dem die Männer die Rolle der Unterdrücker einnehmen und die Frauen unterdrückt werden. Welche Rolle spielen nun wir kommunistische Männer in diesem System? Sollen wir tatsächlich uns selbst als Unterdrücker ansehen? „Wir sind doch Revolutionäre, Kommunisten!“ schießt es uns vielleicht als erstes empört durch den Kopf.

Mag sein. Dennoch müssen wir anerkennen, dass wir solange wir in einer patriarchalen Gesellschaft aufwachsen, zum Unterdrücker „geboren“ werden. Nehmen wir Karl Marx bekannten Satz „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein“. Auf die Frage der Frauenunterdrückung angewandt heißt das, dass wir Männer von frühester Kindheit an zu Unterdrückern erzogen werden.

Ob wir uns das bewusst machen, ob wir das nicht wollen und ablehnen oder ob es andere gibt, die „viel schlimmer“ als wir sind, ändert nichts an der Sache. Auch wenn wir bereits mehr oder weniger große Schritte gemacht haben, uns von dieser Unterdrückerrolle zu lösen, bleibt doch mehr als wir uns eingestehen wollen davon erhalten. Es kann auch nicht anders sein. Wir können genauso wenig erwarten, unter uns einen nicht-patriarchalen Mann zu finden, wie wir im Kapitalismus auf Menschen hoffen können, die keinerlei bürgerliche, egoistische Gedanken oder Gefühle hätten.

Schon in unserer Kindheit profitieren wir vom Privileg von unseren Müttern, denen die Rolle der Haushaltsarbeit zugewiesen wird, versorgt zu werden. Wir werden nicht so sehr wie unsere Schwestern zur Hausarbeit herangezogen. Bei uns wird Gewalt, Faulheit, Selbstdarstellung viel mehr akzeptiert als bei Frauen und Mädchen. Mädchen werden zur Zurückhaltung erzogen, uns aber wird Selbstvertrauen angelernt. Auch wenn dies in einzelnen Aspekten von Familie zu Familie aufbrechen mag, besteht die Gesellschaft nicht nur aus Familien und die Erziehung zum typisch männlichen Verhalten strömt über unzählige Kanäle auf uns ein.

Wir würden niemals bestreiten, dass das Patriarchat auch für die Männer Nachteile mit sich bringt, dass es ihnen die Möglichkeiten zur vollkommen freien Entfaltung als Mensch raubt. Ebenso wie der Marxismus sagt „Eine Nation, die eine andere Nation unterdrückt, kann nicht frei sein“ können wir sagen „ein Geschlecht, das ein anderes Geschlecht unterdrückt, kann nicht frei sein“. Auch Männer werden durch das Patriarchat in bestimmte Rollen gezwängt, Schönheitsidealen und gesellschaftlichen Ansprüchen ausgesetzt. Aber es bleibt doch wahr, dass die Männer zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Kultur, Politik und so weiter stark ermutigt werden und ihnen durch die Arbeit, die sie bewusst oder unbewusst auf die Frauen abwälzen, zusätzliche Möglichkeiten dafür geschaffen werden. Für die Frauen aber bestehen all diese Möglichkeiten nicht, sondern sie werden versklavt, um den Männern den Rücken freizuhalten.

Als männlicher Kommunist ist es vielleicht erst einmal schwer zu akzeptieren, dass man sich das Ziel, die ganze Menschheit zu befreien gesetzt hat, aber gleichzeitig Teil des Problems ist. Um es ganz deutlich zu sagen: Auch Kommunisten sind Unterdrücker. Wir müssen uns das Ausmaß dieser Sklaverei, in der wir die Rolle der Sklavenhalter spielen, bewusst machen. Aus unserer menschlichen Abscheu für diese Unterdrückung müssen wir die Kraft ziehen, selbst zum konsequenten Kämpfer für die Frauenbefreiung zu werden.

…und was wir tun können, um es zu beenden.

Weil die Rollen von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“ im Patriarchat klar verteilt sind, ist auch klar, dass die Unterdrückten, also die Frauen, voran gehen werden, wenn es um ihre eigene Befreiung geht. Als bewusste Männer können wir sagen, dass wir jedes Konzept einer sogenannten „Männlichkeit“ ablehnen, das direkt oder indirekt auf Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen (und Kinder) beruht. Aber wir werden niemals die Ketten des Patriarchats so sehr spüren, wie die Unterdrückten selbst. Im Gegenteil müssen wir immer wieder dagegen ankämpfen, uns in unsere privilegierte gesellschaftliche Rolle als „Ernährer“, als „natürliche Führer“ usw. fallen zu lassen.

Aus all dem zu schlussfolgern, dass die Frauenbefreiung eben „Frauensache“ sei und wir Männer nicht mehr zu tun hätten, als die Frauen „machen zu lassen“, wäre sehr falsch. Gerade im Frauenkampf den richtigen Platz einzunehmen, fällt erfahrungsgemäß Männern immer wieder sehr schwer. Sie müssen akzeptieren, dass nicht sie, sondern Frauen führen und trotzdem sollen sie Initiative zeigen, statt sich passiv zu verhalten. Das Problem liegt darin, dass sich so zu verhalten, die Anforderung an die Männer stellt, mit dem ihnen anerzogenen natürlichen Führungsanspruch zu brechen. Das beleidigte Gefühl „Wie man es macht, kann man es niemanden Recht machen“ ist ein verbreiteter, bekannter – aber falscher – Reflex.

Der erste Schluss, den wir ziehen müssen, ist, dass wir ständig unser eigenes Verhalten im Alltag und in der politischen Arbeit in dieser Hinsicht hinterfragen und bewusst daran arbeiten uns zu verändern. Frauenbefreiung fängt bei uns selber an, wir können nichts überzeugend nach außen vertreten, wenn wir selbst im Widerspruch dazu leben. Einige Beispiele:Warum sprechen wir?Weil es notwendig ist, weil es niemand anders tut oder weil wir insgeheim auf die Bewunderung der anderen für unsere „rhetorisch“ geschliffenen Formulierungen hoffen?“ und Wenn wir es tun, weil es niemand anders tut, warum tut es eigentlich schon wieder niemand anders? Was können wir tun, um die Genossinnen zum Sprechen zu bringen?“ oder „Gehen wir mit jedem ins Bett, der oder die in einer konkreten Situation dazu bereit ist aus welchen Gründen auch immer – oder machen wir uns davor und danach Gedanken, wie wir uns so verhalten können, damit die gemeinsame Zeit für keinen der Beteiligten mit verletzten Gefühlen endet?“

Wir könnten unzählige Fragen ergänzen. Wichtig ist diesen Prozess der bewussten Selbstveränderung mit Elan und Ausdauer anzugehen, trotz unvermeidlicher Rückschritte. Das müssen wir tun, obwohl wir niemals den Moment erleben werden, in dem wir sagen können, wir haben das Patriarchat hinter uns gelassen.

Dabei werden wir nur vorankommen, wenn wir uns der Kritik unserer Genossinnen öffnen. Wir müssen erste Impulse unterdrücken, Kritik abzubügeln oder durch „sehr revolutionäres“ Gerede von der Frauenfrage von uns selbst abzulenken. Statt uns zu rechtfertigen, müssen wir einfach mal zuhören und die Kritik als Unterstützung für unsere Selbsterziehung betrachten.

Zweitens müssen wir, wenn es ums Patriarchat geht, nicht nur uns selbst, sondern unser ganzes Umfeld und letztlich die ganze ArbeiterInnenklasse erziehen. Als Männer können wir dieses Kampffeld nicht ignorieren. Wir müssen ebenso wie Frauen Stellung beziehen gegen das Patriarchat in all seinen Schattierungen. Das geht von einer Demonstration unter dem Motto „Männer gegen Gewalt an Frauen“ bis hin zur Kritik an Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen und Genossen im Alltag. Wir müssen uns das Ziel setzen zu regelrechten Verrätern an der gesellschaftlich herrschenden Männlichkeit zu werden.

Wenn wir ernst meinen, dass wir die Frauenfrage als Klassenfrage sehen, dass wir die Befreiung der Frauen als Bestandteil des kommunistischen Programms betrachten, dann müssen wir drittens aufhören, die Frauenfrage als eines von vielen Kampffeldern zu betrachten, dem wir zweimal im Jahr (am 8. März und 25. November) unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sondern wir müssen in allen Aspekten unserer politischen Arbeit diese Frage einbinden. Unsere Texte und Reden zur Flüchtlingsfrage müssen die Situation der geflüchteten Frauen aufgreifen, bei Antifa-Aktionen müssen wir uns das Ziel setzen, Frauen zu Führerinnen dieser Aktion zu machen, eine Diskussion in der sich die Frauen weniger beteiligt haben als die Männer müssen wir als unsere Niederlage empfinden usw.

Wenn wir ehrlich so an die Frage herangehen, werden wir schnell feststellen, wie haltlos bestimmte Ausreden sind, zum Beispiel, dass wir als Männer uns mit dieser Frage eben nicht auskennen würden und deswegen leider nichts tun können für die Frauenbefreiung.

Es gibt überhaupt keinen Grund für irgendeine Art von Selbstmitleid: Nicht die Männer sind die Unterdrückten im Patriarchat. So wie z.B. Friedrich Engels Klassenverrat begehen konnte, können wir „Geschlechterverrat“ begehen. Das ist unsere Aufgabe und der einzige Weg, wie wir als kommunistische Männer die Unterdrückerrolle „loswerden“ – zumindest soweit, wie dies im Kapitalismus möglich ist.

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