Kapitalismus I

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Silent Film Still. Silent film comedian Charlie Chaplin sitting on gears in the motion picture "Modern Times", 1936. *** Picturelux / interTOPICS *** Filmstill // HANDOUT / EDITORIAL USE ONLY! / Please note: Fees charged by the agency are for the agencyís services only, and do not, nor are they intended to, convey to the user any ownership of Copyright or License in the material. The agency does not claim any ownership including but not limited to Copyright or License in the attached material. By publishing this material you expressly agree to indemnify and to hold the agency and its directors, shareholders and employees harmless from any loss, claims, damages, demands, expenses (including legal fees), or any causes of action or allegation against the agency arising out of or connected in any way with publication of the material.

Einleitung

In unserer Schulung zum historischen Materialismus haben wir uns bei dem Streifzug durch die Geschichte schon mit der Entstehung des Kapitalismus befasst und einige seiner wesentlichen Merkmale genannt. Jetzt wollen wir uns mit den ökonomischen Gesetzen beschäftigen, auf denen die kapitalistische Produktionsweise beruht.

Diese Gesetze sind zum ersten Mal vollständig und im Zusammenhang von Karl Marx in seinem berühmten Buch “Das Kapital” aufgedeckt worden.

Die wichtigste Frage, die wir in dieser Schulung klären wollen, ist die nach dem Wesen der kapitalistischen Ausbeutung. Bekanntlich versucht die Bourgeoisie mit allen Mitteln zu vertuschen, dass es so etwas wie Ausbeutung überhaupt gibt.

Höchstens gibt sie noch zu, dass der gesellschaftliche Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft ungerecht verteilt ist. Natürlich kommt auch die Kapitalist:innenklasse nicht um die Tatsache herum, dass es Arme und Reiche gibt, Menschen, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft und solche, denen die Banken und Fabriken gehören, dass die Kluft zwischen beiden groß ist und immer größer wird.

Die Bourgeoisie hat allen Grund dazu, die Ursache dieser Erscheinungen und damit das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung zu vertuschen. Sie muss die Analyse von Marx wütend bekämpfen. Denn als Marx das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung bloßlegte, gab er der Arbeiter:innenklasse eine scharfe Waffe für den Sturz der Kapitalismus in die Hand. Er versetzte den bürgerlichen Lügen über eine angebliche Harmonie der Klasseninteressen einen tödlichen Stoß.

Um das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung zu verstehen, ist es allerdings notwendig, vorher einige andere Fragen zu klären. Daher beginnen wir mit einigen grundlegenden Aussagen bzw. Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise.

.Die Ware

Der Kapitalismus ist Warenproduktion auf der höchsten Stufe ihrer Entwicklung: Hier nimmt alles die Form der Ware an, überall herrscht das Prinzip von Kauf und Verkauf. Die Produktion von Waren ist älter als die kapitalistische Produktionsweise. Warenproduktion gab es schon in der Sklavenhalterordnung und auch im Feudalismus. Aber erst im Kapitalismus hat die Warenproduktion vorherrschenden, allgemeinen Charakter angenommen. Der Austausch von Waren, schrieb Lenin deshalb, ist „das einfachste, gewöhnlichste, massenhafteste, alltäglichste, milliardenfach zu beobachtende Verhältnis der bürgerlichen (Waren-) Gesellschaft.“ 1

Die Ware ist ein Gegenstand, der erstens menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt und zweitens ein Gegenstand, der nicht für den eigenen Gebrauch, sondern für den Austausch, für den Verkauf oder Tausch auf dem Markt hergestellt wird. Der Salatkopf aus dem eigenen Garten, den ich selbst esse, ist keine Ware, wohl aber der Salatkopf, den ich im Supermarkt oder im Laden um die Ecke kaufe. Wie gesagt wird im Kapitalismus alles zur Ware, selbst die menschliche Arbeitskraft. Denn die Arbeiter:innen verkaufen ja ihre Arbeitskraft an die Kapitalist:innen. Nicht umsonst spricht man deshalb auch vom Arbeitsmarkt.

Wir haben gesagt, dass die Ware ein Gegenstand ist, der zum einen menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Brot und Fleisch befriedigen z.B. unser Bedürfnis nach Nahrung; Kleider und Schuhe brauchen wir, um nicht zu erfrieren; Maschinen werden gebraucht, um damit irgendwelche Waren herzustellen, die ihrerseits ein unmittelbares menschliches Bedürfnis befriedigen. Die Eigenschaft eines Dings, ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen, macht es zum Gebrauchswert. Die Nützlichkeit eines Dings bestimmt den Gebrauchswert, macht es jedoch noch nicht unbedingt zur Ware. Die Luft, die wir atmen, hat zweifellos einen Gebrauchswert: Gäbe es sie nicht, würden wir ersticken. Aber sie ist dennoch keine Ware. Damit ein Ding Ware wird, muss es das Produkt von Arbeit und zugleich für den Verkauf hergestellt worden sein.

Der Gebrauchswert kann nicht gemessen, nicht in Zahlen ausgedrückt werden. Auch kann der Nutzen einer Sache für verschiedene Menschen sehr unterschiedlich sein. Trotzdem sehen wir, dass sich die Waren auf dem Markt in einem bestimmten Verhältnis austauschen.

Ein Auto mag vielleicht l0.000 Euro kosten, ein Paar Schuhe 100 Euro. 100 Paar Schuhe entsprechen also einem Auto.

Wert der Ware

Waren in bestimmten Mengen werden einander gleichgesetzt. Wir nennen das den Tauschwert — oder auch einfach Wert — einer Ware. Der Tauschwert ist vor allem ein Verhältnis worin sich eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten einer Art gegen eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten anderer Art austauscht. Wenn ich aber verschiedenartige Gebrauchswerte miteinander gleichsetze, miteinander vergleiche, dann müssen sie etwas gemeinsam haben, eine gemeinsame Grundlage haben. Diese gemeinsame Grundlage der Waren kann nicht eine ihrer körperlichen Eigenschaften wie z.B. Umfang, Gewicht, Form usw. sein. Denn diese Eigenschaften bestimmen ihren Gebrauchswert, dieser aber ist nicht vergleichbar und auch nicht messbar.

Wenn man sich die ganze Sache etwas überlegt, so ist die Lösung relativ einfach. Die verschiedenen Waren haben nur eine einzige gemeinsame Eigenschaft und zwar die, dass sie Arbeitsprodukte sind.

Und da kann ich sie allerdings miteinander vergleichen. Ich kann nämlich feststellen, wie viel Arbeitszeit aufgewendet worden ist, um eine bestimmte Ware herzustellen. Ich muss dabei allerdings den Doppelcharakter der Arbeit berücksichtigen, der in einer Ware verkörpert ist. Einerseits ist in der Ware eine ganz bestimmte konkrete Arbeit verkörpert. Diese Arbeit schafft den Gebrauchswert der Ware. Unter konkreter Arbeit verstehen wir die verschiedenen Arten der Arbeit, wie z.B. tischlern, schneiden, drehen, fräsen. Die verschiedenen Arten der konkreten Arbeit kann man ebenso wenig vergleichen und messen wie den Gebrauchswert.

Wir müssen die Arbeit unabhängig von ihrer konkreten Form betrachten als Verausgabung der menschlichen Arbeitskraft überhaupt, als sogenannte abstrakte Arbeit.

Alle Arbeit“, sagt Karl Marx im Kapital, „ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer zweckbestimmter Form und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.” 2

Die Verausgabung der menschlichen Arbeitskraft, von Muskel, Hirn und Nerv, unabhängig von der konkreten Form, in der sie aufgewendet wird, die abstrakte Arbeit also, die notwendig ist, um ein bestimmtes Produkt herzustellen, kann ich messen. Und zwar messe ich die Zeit, die notwendig ist, um eine bestimmte Ware herzustellen. Je mehr Zeit zur Herstellung einer Ware benötigt wird, desto größer ist ihr Wert.

Bekanntlich arbeiten aber nicht alle Menschen mit dem gleichen Geschick, auch sind die Arbeitsbedingungen nicht überall gleich, so dass, sagen wir, der Arbeiter A mehr Zeit braucht, um das gleiche Produkt herzustellen als die Arbeiterin B. Heißt das nun, dass das Produkt des Arbeiters A wertvoller als das der Arbeiterin B ist? Oder allgemein gesprochen: Heißt das, dass der Wert einer Ware umso größer ist, je fauler der Arbeiter, je ungünstiger die Arbeitsbedingungen?

Nein, das heißt es natürlich nicht!

Die Wertgröße der Ware wird nicht durch die individuelle Arbeitszeit bestimmt, die von den einzelnen Warenproduzent:innen aufgewandt wird, um eine bestimmte Ware herzustellen, sondern durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

Die Warenproduktion hat gesellschaftlichen Charakter, auch wenn sich die Produktionsmittel in der Hand privater Eigentümer:innen befinden. Im Grunde genommen ist die Arbeit der einzelnen Warenproduzent:innen gesellschaftliche Arbeit, ein Teil der Arbeit der gesamten Gesellschaft. Die einzelnen Warenproduzent:innen sind über den Markt miteinander verbunden.

Was verstehen wir nun unter gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit?

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist die Zeit, die bei durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, d.h. bei durchschnittlichem technischem Niveau, durchschnittlichem Geschick und durchschnittlicher Intensität der Arbeit zur Herstellung einer Ware erforderlich ist. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verändert sich durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität.” 3

Klar, je höher die Arbeitsproduktivität, je vollkommener die Maschinen, die Technik, desto weniger Zeit brauche ich, um eine bestimmte Ware herzustellen, desto kleiner wird also auch ihr Wert.

Das Wertgesetz

Das Wertgesetz ist das ökonomische Gesetz der Warenproduktion. Es lautet: Waren tauschen sich entsprechend der zu ihrer Herstellung aufgewandten gesellschaftlich notwendigen Arbeitsmenge aus. Ohne näher darauf einzugehen, stellen wir hier nur noch fest, dass der Wert der Waren im alltäglichen Leben in Geld ausgedrückt wird, das als allgemeines Tauschmittel dient. Jede Ware hat ihren Preis. Das Wertgesetz spielt eine außerordentlich wichtige Rolle. Denn es reguliert die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit und der Produktionsmittel auf die verschiedenen Zweige der Warenwirtschaft.

Und zwar über den Markt, über den Preismechanismus. Die Preise der Waren weichen nämlich unter dem Einfluss der Schwankungen von Angebot und Nachfrage ständig nach oben oder unten von ihrem Wert ab. Das beweist allerdings nicht, dass das Wertgesetz nicht richtig ist, sondern ist im Gegenteil die einzige Möglichkeit, um das Wertgesetz durchzusetzen. Halten wir uns vor Augen, dass die Produktion in den Händen von Privateigentümer:innen liegt, die aufs Geratewohl produzieren.

Erst die Schwankungen der Preise um den Wert veranlassen die Warenproduzent:innen, die Produktion dieser oder jener Waren einzuschränken bzw. zu erweitern, denn sie produzieren natürlich am liebsten diejenigen Waren, von denen sie sich am meisten Gewinn versprechen.

Alles, was wir bis jetzt gesagt haben, trifft auf die Warenproduktion überhaupt zu, ganz gleich, ob es sich um die Warenproduktion in der Sklavenhaltergesellschaft, im Feudalismus oder im Kapitalismus handelt. Die Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Verhältnisse ist jedoch untrennbar mit der auf dem Privateigentum beruhenden Warenproduktion, mit dem Wirken des Wertgesetzes verbunden. Weil die Marktpreise um den Wert schwanken, weil es Abweichungen in der individuellen Aufwendung an Arbeit von der gesellschaftlich notwendigen Arbeit gibt, verschärfen sich die ökonomische Ungleichheit und der Kampf zwischen den Warenproduzent:innen. Ein Teil von ihnen wird ruiniert und geht zugrunde, ein anderer Teil bereichert sich und wird im Lauf der Zeit zu Kapitalist:innen. Auch im Übergang zum Sozialismus gilt: Die Kleinproduktion aber erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie.” 4

Arbeiter:innen und Kapitalist:innen

Wie wir bereits wissen, beruht die kapitalistische Produktion auf der Lohnarbeit. Die ganze kapitalistische Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei feindliche, sich direkt gegenüberstehende Klassen: in die Bourgeoisie, die Kapitalist:innen auf der einen Seite und das Proletariat, die Arbeiter:innenklasse auf der anderen Seite. Die Kapitalist:innen besitzen die Produktionsmittel, ihnen gehören die Fabriken, Betriebe und Werke. Die Arbeiter:innen besitzen keinerlei Produktionsmittel. Sie besitzen lediglich ihre Arbeitskraft, die sie gezwungen sind an die Kapitalist:innen zu verkaufen, wenn sie nicht verhungern wollen.

Karl Marx hat das so ausgedrückt: Die kapitalistische Produktionsweise beruht darauf, dass die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft ist.” 5

Mit den sachlichen Produktionsbedingungen sind hier die Maschinen und Fabriken gemeint und mit den Nichtarbeitern selbstverständlich die Kapitalist:innen.

Das kapitalistische Privateigentum an den Produktionsmitteln ist Privateigentum der Kapitalist:innen, das sie nicht durch eigene Arbeit erworben haben und das zur Ausbeutung von Lohnarbeiter:innen ausgenutzt wird.

Wenn nun die Kapitalist:innen ans Werk gehen, kaufen sie alles für die Produktion erforderliche ein: Gebäude, Maschinen, Ausrüstungen, Roh- und Brennstoffe. Dann stellen sie Arbeiter:innen ein und die Produktion kann anlaufen. Ist die Ware fertig, verkaufen sie die Kapitalist:innen und bekommen dafür – jedenfalls im allgemeinen – mehr Geld, als sie für die Produktion aufgewendet haben, sie machen einen Gewinn, einen Profit.

Die Kapitalist:innen wenden Geld auf, um eine Ware zu produzieren, sie zu verkaufen und am Ende der ganzen Operation mehr Geld als vorher in der Tasche zu haben. Sie erhalten also das von ihnen aufgewendete Kapital mit einem Zuwachs zurück. Woher kommt nun dieser Zuwachs?

Die Ware Arbeitskraft

Die bürgerlichen Wissenschaftler:innen sagen etwa folgendes: Die Sache ist ganz einfach. Der:die einzelne Kapitalist:in schlägt einen bestimmten Geldbetrag auf den Wert der Ware drauf, verkauft sie also über ihrem Wert und damit ist alles erklärt.

In Wirklichkeit jedoch ist damit überhaupt nichts erklärt. Denn wenn das alle Kapitalist:innen machen, so verlieren sie den Gewinn, den sie beim Verkauf rausholen, sofort wieder, wenn sie neue Waren (Maschinen, Rohstoffe etc.) einkaufen, um erneut produzieren zu können.

Vor allen Dingen kann dieser angebliche Preisaufschlag überhaupt nicht erklären, warum denn die ganze Kapitalist:innenklasse und nicht nur einzelne Kapitalist:innen, einen Kapitalzuwachs zu verzeichnen haben.

Offensichtlich verhält sich die Sache anders. Der Kapitalzuwachs kann gar nicht aus der Sphäre des Verkaufs der hergestellten Waren stammen, sondern er wird im Prozess der kapitalistischen Produktion erzeugt. Die Kapitalist:innen müssen auf dem Markt eine Ware finden, die bei ihrem Verbrauch Wert schafft – und zwar mehr Wert, größeren Wert, als sie selbst besitzen. Eine Ware also, deren Gebrauchswert selbst die Beschaffenheit besitzt, Quelle von Wert zu sein.

Und tatsächlich gibt es eine solche Ware: Es ist die menschliche Arbeitskraft.

Sehen wir uns das etwas genauer an: Wenn die Kapitalist:innen Arbeiter :innen eingestellt haben besitzt sie die volle Verfügungsgewalt über deren Arbeitskraft. Sie lassen die Arbeiter:innen arbeiten, gebrauchen also ihre Arbeitskraft, um bestimmte Waren herzustellen. Dafür zahlen die Kapitalist:innen den Arbeiter:innen einen bestimmten Lohn. Der Lohn ist aber nichts anderes als der in Geld ausgedrückte Wert der Ware Arbeitskraft.

Was bestimmt diesen Wert?

Er wird genauso bestimmt wie der Wert jeder anderen Ware. Nämlich durch die zur Produktion der Ware Arbeitskraft gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

Das hört sich etwas ungewöhnlich an und wir wollen deshalb genauer untersuchen, was das konkret heißt – gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion der Ware Arbeitskraft.

Um ihr Arbeitsvermögen zu erhalten, müssen die Arbeiter:innen essen, sich kleiden, irgendwo wohnen. Außerdem braucht das Kapital einen ständigen frischen Zustrom an Arbeitskraft. Die Arbeiter:innen müssen deshalb nicht nur die Möglichkeit haben, sich selbst, sondern auch ihre Familie zu erhalten. Das Kapital braucht außerdem eine bestimmte Anzahl qualifizierter Arbeiter:innen, die mit komplizierten Maschinen umgehen können. Also muss auch für die Ausbildung der Arbeiter:innen eine bestimmte Menge von Arbeit aufgewendet werden.

Aus all dem wird klar, dass der Wert der Ware Arbeitskraft dem Wert der Existenzmittel entspricht, die zur Erhaltung der Arbeiter:innen und ihrer Familie notwendig sind.

Der Mehrwert

Der Verbrauch der Arbeitskraft ist die geleistete Arbeit, Arbeit aber schafft Wert.

Die Kapitalist:innen kaufen die Arbeitskraft zu ihrem Wert und haben damit das Recht erworben, sie den ganzen Tag über zu gebrauchen. In dieser Zeit schaffen Arbeiter:innen neue Werte – und zwar mehr Werte, als ihre eigene Arbeitskraft wert ist.

Nehmen wir an, die Arbeiter:innen arbeiten acht Stunden pro Tag. Schon nach zwei bis drei Stunden jedoch haben sie so viele Werte erzeugt, wie ihre Arbeitskraft wert ist. Aber sie müssen ja weitere fünf bis sechs Stunden für die Kapitalist:innen arbeiten. In dieser Zeit schaffen sie auch Werte, arbeiten sie praktisch unbezahlt für die Kapitalist:innen, schaffen den Mehrwert, um den sich die ganze kapitalistische Produktion dreht.

Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise“ 6, schrieb deshalb Karl Marx im Kapital.

Der Kapitalismus gibt den Lohnarbeiter:innen nur dann die Möglichkeit, zu arbeiten und zu leben, wenn sie eine bestimmte Zeitdauer unentgeltlich für die Kapitalist:innen arbeiten. In dieser Zeit schaffen sie den Mehrwert, die Quelle alles nicht durch eigene Arbeit erworbenen Einkommens der Kapitalist:innenklasse und ihres Reichtums.

Damit ist das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung aufgedeckt. Wir können daraus nun einige wichtige Schlussfolgerungen ziehen. Wenn das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung in der Produktion von Mehrwert liegt, dann kann die Ausbeutung offensichtlich nicht dadurch abgeschafft werden, dass der gesellschaftliche Reichtum „gerechter“ verteilt wird. Sie kann offenbar nur durch die Vernichtung des Kapitalismus insgesamt beseitigt werden, durch die Schaffung von Verhältnissen, in denen die Arbeiter:innen ihre Arbeitskraft nicht mehr als Ware an die Kapitalist:innen verkaufen müssen, nicht mehr arbeiten müssen, um Mehrwert zu schaffen, sondern für die Befriedigung der Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft, zur Hebung des Reichtums und des Wohlstands aller. Eine solche Gesellschaft ist der Sozialismus.

Die Aufdeckung des Wesens der kapitalistischen Ausbeutung zeigt uns also, dass das Gerede der Bourgeoisie und ihrer Lakaien von der Reformierbarkeit des Kapitalismus, von der Möglichkeit, einen Kapitalismus ohne Ausbeutung zu schaffen, nichts als Betrug ist.

Das Kapital

Jedes Kapital beginnt seinen Weg in Gestalt einer bestimmten Geldsumme. Der Kapitalist wendet eine bestimmte Geldsumme auf, um Maschinen, Rohstoffe etc. zu kaufen und Arbeiter:innen einzustellen.

Kapital ist Wert, der – auf dem Wege der Ausbeutung der Lohnarbeiter:innen – Mehrwert bringt. Oder, wie Karl Marx sagt: „Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und tatsächlich umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.” 7

Deutlich wird dies z.B. bei jedem Streik. Wenn die Arbeiter:innen nicht an die Maschinen gehen, bleiben sie tot, wird kein Mehrwert erzeugt.

Was produziert denn z.B. ein:e Arbeiter:in in einem Autowerk? Nur Autos? Nein, in erster Linie und vor allem wird Kapital produziert. Die Arbeiter:innen produzieren Werte, die von neuem dazu dienen, ihre Arbeit zu kommandieren und durch sie neue Werte zu schaffen. „Das Kapital kann sich nur vermehren, indem es sich gegen Arbeitskraft austauscht, indem es Lohnarbeit ins Leben ruft. Die Arbeitskraft des Lohnarbeiters kann sich nur gegen Kapital austauschen, indem sie das Kapital vermehrt, indem sie die Macht verstärkt, deren Sklavin sie ist. Vermehrung des Kapitals ist daher Vermehrung des Proletariats, d.h. der Arbeiterklasse.“ 8 Im Kapital verkörpert sich das Produktionsverhältnis zwischen der Kapitalist:innenklasse und der Arbeiter:innenklasse, welches darin besteht, dass die Kapitalist:innen als Eigentümer:innen der Produktionsmittel und der Produktionsbedingungen die Lohnarbeiter:innen ausbeuten, die für sie den Mehrwert schaffen.

Die Kapitalist:innen verwenden einen bestimmten Teil des Kapitals dazu, Fabriken zu errichten, Maschinen zu kaufen etc. Wir nennen diesen Teil des Kapitals konstantes Kapital, weil sich der Wert des in den Produktionsmitteln verkörperten Kapitalanteils im Produktionsprozess nicht verändert, sondern lediglich Stück für Stück, in dem Maße wie sich die Produktionsmittel verschleißen, auf die neue Ware überträgt.

Einen anderen Teil des Kapitals verwenden die Kapitalist:innen dazu, Arbeiter:innen einzustellen, ihre Arbeitskraft zu kaufen. Wir nennen diesen Teil variables Kapital, denn dieser Kapitalteil verändert im Produktionsprozess seine Größe: Er wächst dadurch an, dass die Arbeiter:innen einen Mehrwert schaffen, den sich die Kapitalist:innen aneignen.

Mehrwertrate,
absoluter Mehrwert, relativer Mehrwert

Um den Grad der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital auszudrücken, darf man daher den Mehrwert nicht mit dem Gesamtkapital, sondern nur mit dem variablen Kapital vergleichen. Dieses Verhältnis nennt Marx die Mehrwertrate. Sie wird in einer bestimmten Formel ausgedrückt und lautet:

m’ = m / v

m’ ist dabei die Mehrwertrate, m der Mehrwert und v das variable Kapital.

Selbstverständlich wollen die Kapitalist:innen mit allen Mitteln den Anteil der Mehrarbeit, den sie aus den Arbeiter:innen herauspressen, erhöhen.

Sie haben einen wahren Heißhunger nach Mehrarbeit. Wie gehen die Kapitalist:innen nun vor, um den Anteil der Mehrarbeit, der unbezahlten Arbeitszeit im Vergleich zur notwendigen Arbeitszeit zu erhöhen?

Nehmen wir an, der Arbeitstag dauert 8 Stunden. Zwei Stunden davon sollen notwendige Arbeitszeit sein. Der Rest, 6 Stunden, ist unbezahlte Arbeitszeit, in der die Arbeiter:innen den Mehrwert schaffen. Die einfachste Methode, die die Kapitalist:innen haben, um den Anteil der unbezahlten Arbeitszeit zu erhöhen, ist einfach den Arbeitstag zu verlängern, ihn auf 10 oder sogar 12 Stunden auszudehnen. Den solchermaßen durch Verlängerung des Arbeitstages geschaffenen Mehrwert nennen wir den absoluten Mehrwert.
Diese Methode haben die Kapitalist:innen vor allem in der Anfangszeit des Kapitalismus angewendet. Der Arbeitstag dauerte damals 12, manchmal sogar 14 oder l6 Stunden. Wie wir wissen, hat die Arbeiter:innenklasse jahrzehntelang einen hartnäckigen und opfervollen Kampf für die Verkürzung des Arbeitstages geführt. Auf Vorschlag von Karl Marx hatte der Kongress der I. Internationale im Jahre 1866 schon die Forderung nach dem Achtstundentag aufgestellt, die in der Folgezeit zur Kampflosung der Arbeiter:innen aller Länder wurde.
Aber erst 1919 schlossen die Vertreter einer Reihe kapitalistischen Länder aus Angst vor dem Anwachsen der revolutionären Bewegung ein Abkommen über die Einführung des Achtstundentages in internationalem Maßstab, das jedoch in der Praxis nie richtig verwirklicht wurde.

Es gibt auch noch andere Methoden, den Ausbeutungsgrad zu erhöhen. Wenn die Arbeitsproduktivität in den Zweigen der Industrie steigt, die Gebrauchsgüter für die Arbeiter:innen herstellen und in den Zweigen, die Maschinen zur Produktion von solchen Gebrauchsgütern produzieren braucht man weniger Arbeitszeit, um die Arbeitskraft zu reproduzieren.Also sinkt ihr Wert und damit auch der Wert der Ware Arbeitskraft. Die Arbeiter:innen, die vorher, sagen wir drei Stunden arbeiten mussten, um den Wert ihrer Arbeitskraft zu ersetzen, brauchen jetzt vielleicht nur noch zwei Stunden. Sie arbeiten also effektiv, bei unveränderter Länge des Arbeitstages, jetzt eine Stunde mehr für die Kapitalist:innen. Den auf diese Weise entstehenden Mehrwert nennen wir relativen Mehrwert.

Der Arbeitslohn

Der Arbeitslohn ist der in Geld ausgedrückte Wert der Ware Arbeitskraft. Durch den Arbeitslohn wird allerdings das eben beschriebene Wesen der kapitalistischen Ausbeutung verschleiert. Wenn die Arbeiter:innen ihre Arbeitskraft an die Kapitalist:innen verkaufen und dafür eine bestimmte Geldsumme, den Arbeitslohn, erhalten, entsteht der Eindruck, als ob die Kapitalist:innen nicht die Arbeitskraft bezahlen, sondern die Arbeit. Es entsteht der Eindruck, als ob die Arbeiter:innen den ganzen Arbeitstag bezahlt bekommen würden, während sie doch in Wirklichkeit nicht acht, sondern vielleicht gerade mal zwei Stunden bezahlt bekommen.

Bei der Betrachtung des Arbeitslohns müssen wir zwischen dem Nominallohn und dem Reallohn unterscheiden.

Der Nominallohn ist der in Geld ausgedrückte Arbeitslohn, z.B. 1100 Euro. Der Nominallohn sagt allerdings nichts über die wirkliche Höhe des Lohnniveaus der Arbeiter:innen aus.

Der Nominallohn kann z.B. steigen. Wenn aber gleichzeitig die Preise, die Mieten, die Steuern etc. steigen, dann sinkt in Wirklichkeit das Lohnniveau, der Lebensstandard der Arbeiter:innen verschlechtert sich.

Um eine Vorstellung von der wirklichen Höhe des Lohns zu bekommen, müssen wir deshalb den sogenannten Reallohn betrachten. Der Reallohn ist der in Existenzmitteln der Arbeiter:innen ausgedrückte Lohn. Er zeigt an, wie viele Güter und Dienstleistungen die Arbeiter:innen für ihren Lohn kaufen können. Folgende Faktoren sind für die Bestimmung des Reallohns wichtig:

die Höhe des Nominallohns

die Höhe der Preise der Gebrauchsgüter

die Höhe der Mieten

die Höhe der Steuern

die Länge des Arbeitstages

der Grad der Arbeitsintensität

der Lohnausfall bei Kurzarbeit

die Zahl der Arbeitslosen und Kurzarbeiter:innen, die auf Kosten der Arbeiter:innenklasse unterhalten werden

Sinken des Reallohns

Für den Kapitalismus gilt, was bereits Karl Marx festgestellt hat: „Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken.“ 9

Der Reallohn verringert sich durch die zunehmende Verteuerung der Gebrauchsgüter, die Erhöhung der Mieten, die Zunahme der Steuern usw.

Der Reallohn fällt auch und vor allem durch das Anwachsen der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit verschärft die Konkurrenz zwischen den Arbeiter:innen und verschafft damit den Kapitalist:innen die Möglichkeit, das Lohnniveau der gesamten Arbeiter:innenklasse zu drücken.

Um die Höhe des Arbeitslohnes findet seit jeher ein Kampf zwischen den Kapitalist:innen und den Arbeiter:innen statt. Seit der Entstehung des industriellen Kapitalismus führt die Arbeiter:innenklasse einen hartnäckigen Kampf für höhere Löhne. In diesem Kampf schlossen sich die Arbeiter:innen zu Gewerkschaften zusammen – um den ökonomischen Kampf mit Erfolg führen zu können.

So wichtig der gewerkschaftliche Kampf um ökonomische Forderungen aber auch ist – er vermag nicht die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus außer Kraft zu setzen. Daher kann er die Arbeiter:innenklasse nicht von der kapitalistischen Ausbeutung befreien.

Der Kampf um höhere Löhne bewegt sich innerhalb folgender Grenzen: Die Minimalgrenze des Arbeitslohns wird durch rein physische Grenzen bestimmt. Der Arbeiter muss eine bestimmte minimale Menge von Existenzmitteln zur Verfügung haben, damit er überhaupt leben und seine Arbeitskraft wiederherstellen kann. Diese Minimalgrenze des Arbeitslohns liegt unter dem Wert der Arbeitskraft, denn diese kann sich so nur in verkümmerter Form erhalten. Die Maximalgrenze des Arbeitslohns im Kapitalismus ist der Wert der Arbeitskraft. In welchem Maß sich das durchschnittliche Lohnniveau dieser Grenze nähert wird durch das Wechselverhältnis der Klassenkräfte zwischen Proletariat und Bourgeoisie bestimmt.

Die Akkumulation des Kapitals

Nachdem wir nun gesehen haben, worin das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung besteht, was der Mehrwert ist und worin die hauptsächlichen Methoden seiner Erzeugung bestehen, wollen wir uns im folgenden anschauen, was die Kapitalist:innen mit dem Mehrwert machen und was das für Folgen für die Arbeiter:innenklasse hat.

Wir haben gesagt, dass die Arbeiter:innen mit der Schaffung des Mehrwerts vor allem Kapital schaffen. Denn die Kapitalist:innen verwendet ja nur einen Teils des Mehrwerts für ihre persönliche Bereicherung, für ihr Leben in Luxus und Reichtum. Allerdings ist auch dieser Teil nicht von Pappe.

Den anderen Teil des Mehrwerts verwenden die Kapitalist:innen für neue Investitionen, um den Produktionsprozess auf erweiterter Stufenleiter wiederholen zu können. Die verbrauchten materiellen Güter werden nicht nur ersetzt, sondern es werden darüber hinaus zusätzliche Produktionsmittel und Gebrauchsgüter produziert.

Die Kapitalist:innen verwenden also einen Teil des Mehrwerts dazu, neue Produktionsmittel zu kaufen und zusätzliche Arbeiter:innen einzustellen. Durch die Akkumulation des Kapitals werden also die kapitalistischen Produktionsverhältnisse ständig von neuem auf erweiterter Stufenleiter wiederhergestellt. Das bedeutet auch, dass die Zahl der Arbeiter:innen absolut gesehen wächst. Die Theorien der Kapitalist:innen und ihrer Ideolog:innen, wonach die Zahl der Arbeiter:innen und ihre Rolle in der kapitalistischen Produktion geringer würden, entbehren also jeder Grundlage.

Zwei Gründe sind es vor allem, die den Kapitalist:innen zur Akkumulation des Kapitals zwingen. Der erste ist die Jagd nach Vergrößerung des Mehrwerts. Gerade auf der Jagd nach mehr Mehrwert erweitern die Kapitalist:innen ihre Produktion. Der Grund ist der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen den Kapitalist:innen, in dessen Verlauf die großen Kapitalist:innen den Vorteil auf ihrer Seite haben und die kleinen vernichten. Will der:die einzelne Kapitalist:in nicht untergehen, muss die Technik vervollkommnet und die Produktion erweitert werden. Geschieht dies nicht, bleibt er:sie zurück. Wenn er:sie aber zurückbleibt, wird er:sie von den Konkurrent:innen geschlagen.

Im Verlauf der kapitalistischen Akkumulation wächst die Gesamtsumme des Kapitals, wobei sich seine einzelnen Teile ungleichmäßig verändern. Wenn die Kapitalist:innen die Produktion erweitern, führen sie gewöhnlich technische Neuerungen und Verbesserungen ein, weil ihnen diese die Möglichkeit geben, die Arbeiter:innen verstärkt auszubeuten und damit ihren Profit zu erhöhen. Der Teil des Kapitals, der aus Gebäuden, Maschinen und Rohstoffen besteht (das konstante Kapital), wächst schneller als der Teil, der für den Kauf von Arbeitskraft aufgewendet wird (variables Kapital). Wir nennen das Verhältnis zwischen beiden die organische Zusammensetzung des Kapitals. Im Verlauf der Entwicklung des Kapitals erhöht sich durch die schnelle Entwicklung und Anwendung der Technik die organische Zusammensetzung des Kapitals.

Die Akkumulation des Kapitals hat zwei Folgen: Zum einen konzentriert sich das Kapital immer mehr, wächst der Umfang des Kapitals der einzelnen Kapitalist:innen. Zum anderen zentralisiert sich das Kapital immer mehr, werden mehrere Kapitale zu einem einzigen vereinigt. Im Konkurrenzkampf verschlingt das Großkapital die kleinen und mittleren Kapitale und verleibt sie sich ein. Konzentration und Zentralisation des Kapitals bedeuten die Zusammenballung ungeheurer Reichtümer in den Händen einiger weniger Kapitalist:innen. Es ist klar, dass das zur Verschärfung des Klassengegensatzes, zur Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich, zur Vertiefung der Kluft zwischen der Handvoll kapitalistischer Ausbeuter:innen und der großen Masse der besitzlosen Mehrheit führt.

Zentralisation und Konzentration des Kapitals führen außerdem dazu, dass in den kapitalistischen Großbetrieben, die heute die Form internationaler Produktionsketten annehmen, immer größere Massen von Arbeiter:innen zusammengeballt werden.

Grundsätzlich erleichtert diese Entwicklungstendenz ihren Zusammenschluss, ihre Organisierung zum Kampf gegen das Kapital. Dies gilt auch in einer Phase wie heute, wo z.B. die Entwicklung gewerkschaftlicher Organisationsformen entlang der internationalen Produktionsketten den Veränderungen der Produktivkräfte hinterherhinkt. Auch bei Einführung des Fließbandes durch Henry Ford 1927 benötigte die Arbeiter:innenbewegung einige Jahre bis Jahrzehnte, um sich auf die neuen Bedingungen einzustellen.

Die Arbeitslosigkeit

Die kapitalistische Akkumulation und die mit ihr einhergehende wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals ist zugleich die Ursache der Arbeitslosigkeit.

Warum ist das so?

Bei der Akkumulation des Kapitals verwenden die Kapitalist:innen einen immer größeren Teil auf den Kauf neuer Maschinen und zur Vervollkommnung der Technik. Maschinen sparen aber bekanntlich Arbeit. Was vorher z.B. 800 Arbeiter:innen in 8 Stunden (in insgesamt 6400 Stunden also) produziert haben, erfordert nach der Einführung neuer Maschinen vielleicht nur noch 5600 Stunden. Die Kapitalist:innen könnten nun natürlich die Arbeitszeit der Arbeiter:innen entsprechend verkürzen, bei vollem Lohnausgleich versteht sich. Sie wären allerdings keine Kapitalist:innen, wenn sie das täten. Die Kapitalist:innen machen ganz was anderes. Sie entlassen einfach 100 Arbeiter:innen. Denn wenn 700 Arbeiter:innen 8 Stunden arbeiten, ergeben sich auch 5600 Stunden. Die Kapitalist:innen haben aber den Lohn von hundert Arbeiter:innen gespart. Und darauf kommt es ihnen natürlich an.

Die Vervollkommnung der Technik und die Anwendung von Maschinen in immer größerem Maßstab, die eigentlich dazu dienen könnten, den Menschen die Arbeit bedeutend zu erleichtern, hat im Kapitalismus also genau die gegenteiligen Folgen.

Ein Teil der Arbeiter:innen wird überflüssig, wird auf die Straße geworfen, ein anderer Teil wird zu schwererer, zu immer angespannterer Arbeit verdammt. Die Arbeitslosigkeit ist also eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Kapitalismus.

Die relative und absolute Verelendung des Proletariats

Wir können jetzt aus der Akkumulation des Kapitals einige allgemeine Schlussfolgerungen ziehen.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus konzentrieren sich auf dem einen Pol der Gesellschaft, nämlich in den Händen der Kapitalist:innen, ungeheure Reichtümer. Luxus, Verschwendung und Müßiggang der Ausbeuter:innenklassen vermehren sich. Gleichzeitig verschärft sich auf dem anderen Pol die Ausbeutung der Arbeiter:innenklasse, wächst die Arbeitslosigkeit und das Elend derjenigen, die durch ihrer Hände Arbeit alle Reichtümer schaffen. Die Arbeiter:innenklasse verelendet immer mehr.

Dies ist in zweierlei Hinsicht zu verstehen:

a) Die Arbeiter:innenklasse verelendet relativ. Das bedeutet, dass der Anteil der Arbeiter:innenklasse an der Gesamtsumme des Nationaleinkommens ständig abnimmt, während der Anteil der Ausbeuter:innenklassen ständig wächst.

b) Die Arbeiter:innenklasse verelendet aber auch absolut. Der Arbeiter wird ärmer als früher, er ist gezwungen, schlechter zu leben, sich schlechter zu ernähren, in weniger guten Wohnungen zu leben usw.

Die absolute Verelendung zeigt sich im Fallen des Reallohns, im Steigen der Lebenshaltungskosten und der Steuern. Sie zeigt sich in der wachsenden Arbeitslosigkeit. Sie drückt sich ferner im Abbau der sozialen Leistungen, in der Verschlechterung der medizinischen Versorgung usw. aus.

Wir erleben also auch heute, nicht nur in Deutschland, sondern noch krasser in vielen anderen kapitalistischen, vor allem in den abhängigen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, dass es richtig ist, wenn Karl Marx im Kommunistischen Manifest feststellt:

Sie (die Bourgeoisie) ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muss, statt von ihm ernährt zu werden.” 10

Wir sehen also, dass die Theorien der bürgerlichen Ideolog:innen, die die absolute Verelendung der Arbeiter:innenklasse leugnen, weder mit der Theorie von Marx noch mit der Realität übereinstimmen.

Der Grundwiderspruch des Kapitalismus

In dem Maße, wie sich der Kapitalismus entwickelt, fasst er in ständig zunehmendem Maße große Massen von Menschen zu gemeinsamer Arbeit zusammen. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wächst.

Die einzelnen Zweige der Industrie werden immer mehr voneinander abhängig und miteinander verbunden. Der wirtschaftliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Betrieben und auch zwischen den einzelnen Ländern wächst rasch. Mit einem Wort: es wächst die Vergesellschaftung der Produktion.

Aber dies geschieht im Interesse einer kleinen Anzahl von privaten Eigentümer:innen der Produktionsmittel. Das Produkt der gesellschaftlichen Arbeit von Millionen von Menschen bildet das Privateigentum der Kapitalist:innen. Dieser Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter des Produktionsprozesses und der privatkapitalistischen Form der Aneignung bildet den Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise. Mit der Entwicklung des Kapitalismus verschärft er sich immer mehr.

Die Wirtschaftskrisen

Die Wirtschaft der kapitalistischen Länder steckt seit Jahren in einer andauernden Krise. Solche Krisen hat es seit Anfang des 19. Jahrhunderts, mit der Entstehung der maschinellen Großindustrie immer wieder gegeben. Sie sind ebenfalls eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Kapitalismus.

Wie kommt es nun zu den Wirtschaftskrisen?

Wir haben schon gelernt, dass die Kapitalist:innen auf der Jagd nach dem höchsten Profit die Produktion schrankenlos erweitern, die Technik vervollkommnen, neue Maschinen einführen und riesige Warenmassen auf den Markt werfen.

Aber es genügt ja nicht, die Waren auf den Markt zu werfen, sie müssen auch verkauft werden. Die Hauptverbraucher:innen aber sind die Volksmassen, die Arbeiter:innenklasse und die übrigen Werktätigen. Ihrer Kaufkraft sind aber, wie wir gesehen haben, unter kapitalistischen Verhältnissen enge Grenzen gesetzt. Durch das Sinken des Reallohns, das Steigen der Arbeitslosigkeit usw. sinkt sie sogar.

Infolgedessen stauen sich in den Lagern der Kapitalist:innen sogenannte Warenüberschüsse. Natürlich könnten diese Waren sehr wohl dazu verwendet werden, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, um den Lebensstandard zu heben, Not und Armut zu beseitigen. Aber unter kapitalistischen Verhältnissen ist so etwas undenkbar. Eher vernichten die Kapitalist:innen ihre Warenüberschüsse, werfen sie auf den Müll oder legen sie auf Halde. Oder sie lassen sie einfach vom Staat aufkaufen, der dazu einen Teil der von den Werktätigen aufgebrachten Steuern verwendet.

Eine Krise hat schwere Folgen für die Arbeiter:innenklasse. Die Kapitalist:innen schränken die Produktion ein und werfen die Arbeiter:innen auf die Straße. Viele Betriebe werden geschlossen und durch die Krise ruiniert. Die Kapitalist:innen versuchen mit allen Mitteln die Löhne zu drücken.

Also: Weil sie „zu viel“ erzeugt haben, geht es den Arbeiter:innen in der Krise schlechter. Dieser schreiende Widerspruch ist eine notwendige Erscheinung im Kapitalismus, der gesetzmäßig die Überproduktionskrisen hervorbringt.

Die Basis der Krise“, sagt Stalin, „liegt in dem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der kapitalistischen Form der Aneignung der Produktionsergebnisse. Ausdruck dieses Grundwiderspruchs des Kapitalismus ist der Widerspruch zwischen dem kolossalen Anwachsen der Produktionskapazitäten des Kapitalismus, die auf die Erzielung eines Maximums kapitalistischen Profits berechnet sind, und dem relativen Rückgang der zahlungsfähigen Nachfrage seitens der Millionenmassen der Werktätigen, deren Lebenshaltung die Kapitalisten ständig in den Schranken des äußersten Minimums zu halten suchen.” 11

Um die Krisen abzuschaffen, muss man also den Kapitalismus abschaffen.

Halten wir zum Schluss folgendes fest:

Der Kapitalismus entwickelt die Produktivkräfte und vergesellschaftet die Produktion. Er schafft damit die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus. Der Kapitalismus bringt andererseits das Proletariat hervor und schafft sich damit seinen eigenen Totengräber. Denn das Proletariat ist aufgrund seiner Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft dazu berufen, den Kapitalismus zu stürzen.

Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, …wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs (Enteigner, im Sinne von Ausbeuter) werden expropriiert (enteignet).“ 12

Fragen für das Selbst- und Gruppenstudium

WARE

Welche Bedingungen müssen zutreffen, damit eine Sache eine Ware ist? Welche Produkte meiner Arbeit sind keine Ware?

WERT DER WARE

Welche Wertformen gibt es? Wie hängen sie mit den zwei Formen menschlicher Arbeit zusammen?

Wie wird der Wert einer Ware bestimmt?

WERTGESETZ

Wie lautet das Wertgesetz? Welche Rolle spielt es in einer Waren produzierenden Wirtschaft?

WERT DER WARE ARBEITSKRAFT

Welche Elemente der gesamten gesellschaftlichen Arbeit fließen in den Wert der Arbeitskraft als Ware ein?

Welche Folge hätte eine Verdoppelung der Produktivität in der Landwirtschaft unter sonst gleichbleibenden Bedingungen für den Wert der Arbeitskraft?

Wieso kann es im Kapitalismus keinen „gerechten“ oder „fairen“ Lohn geben? Wäre ein Lohn, der exakt dem Wert der Arbeitskraft entsprechen würde, gerecht bzw. fair?

MEHRWERT

Was ist Mehrwert und wie entsteht er? Wieso hatte die Lösung des Rätsels, wo der Mehrwert herkommt, durch Karl Marx so gewaltige Bedeutung, die weit über den Kreis der daran interessierten Wirtschaftswissenschaftler:innen hinausgeht?

DAS KAPITAL

Was ist Kapital? Unter welchen Bedingungen sind eine Milliarde Dollar Kapital?

Was ist konstantes, was variables Kapital?

MEHRWERTRATE

Wie wird die Mehrwertrate berechnet? Was drückt sie aus?

Was ist der Unterschied zwischen relativem und absolutem Mehrwert?

ARBEITSLOHN

Wieso verschleiert der Arbeitslohn im Kapitalismus das Wesen der Ausbeutung?

Wie unterscheiden sich Nominal- und Reallohn? Welche Folgen für den Reallohn hat Tatsache, dass im Kapitalismus gesetzmäßig die Arbeitslosigkeit entsteht und wächst?

AKKUMULATION DES KAPITALS

Was ist die organische Zusammensetzung des Kapitals und wie verändert sie sich im Laufe der Akkumulation des Kapitals?

Wie unterschieden sich Konzentration und Zentralisation des Kapitals? Zu welchem Ergebnis führen die beiden Tendenzen?

RELATIVE UND ABSOLUTE VERELENDUNG

Was sind die relative und absolute Verelendung der Arbeiter:innenklasse?

Wieso kann die Agenda 2010 mit ihrem Kern der Hartz IV-Gesetze als absolute Verelendung gekennzeichnet werden, obwohl mit Hartz IV niemand verhungern muss?

DER GRUNDWIDERSPRUCH DES KAPITALISMUS

Wie lautet der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise?

WIRTSCHAFTSKRISEN

Wieso bringt der Kapitalismus gesetzmäßig Überproduktionskrisen hervor?

Literaturempfehlungen

Karl Marx, „Lohn, Preis und Profit“; MEW Band 16; S. 101 – 152

Relativ kurzer Text, der die Grundlagen der Werttheorie enthält. Daher einigermaßen geeignet für Einsteiger:innen, um sich in die Sprache und Denkweise von Karl Marx einzuarbeiten.

Friedrich Engels, „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“)“, MEW Band 20, S. 5 – 303

In der Widerlegung des bürgerlichen Intellektuellen Dühring hat Engels die einzige zusammenfassende, in sich geschlossene Darstellung des Marxismus-Leninismus zur marxistischen Philosophie hinterlassen. Der zweite Abschnitt zur politischen Ökonomie umfasst 74 Seiten und zeigt zu Anfang, warum politische Faktoren und insbesondere Gewaltanwendung keine Erklärung für die Ökonomie bieten.

Akademie der Wissenschaften der UDSSR, „Politische Ökonomie Lehrbuch“, deutsche Übersetzung, Dietz-Verlag 1. Auflage 1959, 791 Seiten

Das Lehrbuch ist zur Vertiefung dieser Schulung sehr zu empfehlen, da es pädagogisch gut aufbereitet in überschaubarer Länge und gut verständlich die Inhalte vermittelt. Der hier behandelte Stoff umfasst im Wesentlichen die Kapitel III (Warenproduktion), IV (Kapital und Mehrwert), VII (Akkumulation des Kapitals) und XIV (Wirtschaftskrisen).

Nach Möglichkeit sollte man die 1. Auflage oder einen entsprechenden Nachdruck von K-Gruppen aus den 1970er nehmen. Ab der 2. Auflage vermischen sich, insbesondere bei den Themen Imperialismus und Sozialismus, marxistisch-leninistische und revisionistische Tendenzen zu einem auch für Fortgeschrittene nicht immer leicht zu entwirrenden Knäuel.

1Lenin, „Zur Frage der Dialektik“, LW 36, S. 346

2Marx, „Das Kapital I“, MEW 23, S. 61

3Autorenkollektiv, „Politische Ökonomie – Lehrbuch“, Dietz 1959, S. 85

4Lenin, „Der ’linke’ Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“,
LW 31, S. 8

5Marx, „Kritik des Gothaer Programms“, MEW 19‚ S. 22

6 Marx, „Das Kapital I“, MEW 23, S. 647

7Ebd., S. 247

8Marx, „Lohnarbeit und Kapital“, MEW 6, S. 410

9Marx, „Lohn‚Preis und Profit“, MEW 16, S. 152

10Marx, Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei“, MEW 4, S. 473

11Stalin, Rechenschaftsbericht des ZK an den XVI. Parteitag der KPdSU(B),
SW 12, S. 214

12Marx, „Das Kapital I“, MEW 23, S. 790