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Von Duisburg bis nach Rojava – in unserem Kampf lebt Ivana

Nichts hält mich mehr hier. Ich kann nicht tatenlos zusehen während meine Schwestern, Brüder, Freunde, Mütter, Väter, Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus kämpfen. Ich werde den Internationalismus der Partei vertreten und ein Teil der organisierten bewaffneten Bewegung sein. Wenn ich zurück komme werde ich meine Genossen, mein Umfeld mit dem Kampfgeist und der Willenskraft anstecken, ich werde wie die schönsten Lieder sein und jeden in meinen Bann ziehen. Ich werde eine Guerilla voller Nächstenliebe und Hoffnung.“

(Aus Ivana’s letztem Brief an ihre Genoss*Innen, bevor sie zu den Internationalen Brigaden nach Rojava gegangen ist)

Ivana’s Abschiedsworte sind zur materiellen Realität geworden – und das auf eine Art und Weise, wie sie für den Klassenkampf im imperialistischen Zentrum Deutschland ungewohnt sind, das zu oft noch als „ruhiges Hinterland“ missverstanden wird. Ivana Hoffmann, Deutsche mit afrikanischen Wurzeln, fiel als Kommunistin der MLKP und als Kämpferin der Internationalen Brigaden am 7. März 2015 in Tel Timir im kurdischen Kanton Cizire im Dreiländereck Syrien, Irak und Türkei. Bei den heftigen Gefechten mit den ISIS-Banden fielen neben Ivana ein weiterer Genosse der MLKP, Erkan Altun, sowie der Australier Ashley Kent Johnsoton, der Engländer griechischen Ursprungs, Konstandinos Erik Scuefield, der arabische Kommandant Udey El Ubeyd, der assyrische Kommandant Dawid Cindo Anter , sowie ein Dutzend uns namentlich nicht bekannter Kämpfer*Innen aus den Reihen der YPG und YPJ .

Ivanas Tod hat das Feuer der Revolution als moralische Größe – wie der preußische Offizier und Militärphilosoph Clausewitz1 einst jene kriegsentscheidenden weichen Faktoren bezeichnet hat – nach Deutschland getragen. Es wurde vielfach aufgegriffen: bei der Gedenkkundgebung mitten im Frankfurter Bankenviertel bei Bloccuppy ebenso wie im Stadium des Amateurvereins SV Babelsberg. Die Überführung ihres Leichnams wurde so zu einem Ausdruck revolutionären Willens. Angefangen bei den heldenhaften Kämpfer*Innen, die bereit dazu gewesen sind und teils ihr Leben geben mussten, damit Ivanas Leichnam nicht in die Hände des faschistischen Feindes fällt, über die militärische Abschiedszeremonie im befreiten kurdischen Teil auf syrischer Seite der Grenze, den Siegeszug durch Nordkurdistan, bei dem das kurdische Volk einer trauernden Mutter Solidarität, Zuversicht und Stolz gegeben hat, bis hin zum Trauermarsch in Duisburg-Meiderich. Mindestens 4.000 Teilnehmer*Innen haben der Kämpferin der Internationalen Brigaden, unserer Genossin Ivana Hoffmann, die letzte Ehre erwiesen.

Die Gedenkdemonstration und -feier auf dem Friedhof sind nicht nur eine der größten kommunistischen Demonstrationen seit vielen Jahren gewesen, sondern vor allem die zweifellos kämpferischste seit Ewigkeiten. Wer dabei gewesen ist, konnte es direkt spüren: das Feuer der Revolution ist im Herzen der Bestie, dem imperialistischen Zentrum Deutschland angekommen.

Auch wenn Spiegel TV tief in die Schmutzkiste greifen muss und verächtlich von „kruden Vergleichen“ schwafelti, so drücken die Worte einer Genossin auf dem Friedhof einfach die materielle Wahrheit aus:

Als junge internationalistische Kommunistin ist Ivana zu einer Brücke geworden, die sich von Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, über Ulrike Meinhof, Andrea Wolf bis nach Rojava erstreckt.“

Ivana Hoffmann – lebensfroh, fest entschlossen und mutiges Vorbild

Wer war diese junge Genossin, die so viel in Bewegung gesetzt hat?

Ivana Hoffmanns Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Togo. Ivana hatte insgesamt 12 Geschwister und Halbgeschwister. Sie liebte es Musik zu machen, zu singen und zu tanzen. Sie war ein sehr beliebter Mensch und hatte viele Freunde. Bis sie nach Rojava ging lebte sie in Duisburg-Meiderich.

Ivana wurde 2009 in der „Bildungsstreik“-Bewegung in Duisburg zum ersten Mal politisch aktiv. Sie zog alle mit ihrer offenen Art so sehr in den Bann, dass sie zur Pressesprecherin gewählt wurde. Durch ihre empathische und partizipative Art konnte sie viele Schüler mobilisieren.

In Jahr 2011 lernte sie Young Struggle kennen, sie hat Aufgaben übernommen und begann sich zu organisieren. Sie begann sich gegen Missstände und Ungerechtigkeit aktiv einzusetzen, organisierte den Bildungsstreik in Duisburg und nahm an zahlreichen Aktionen wie dem Revolutionären 1. Mai, den Bloccupy-Protesten, antifaschistischen Demonstrationen und Aktionen gegen Frauenunterdrückung und Sozialkahlschlag teil oder organisierte diese mit. Sie beteiligte sich an Aktionen für die Freiheit von politischen Gefangenen und nahm 2012 an einem Hungerstreik für die Gefangenen der PKK teil.

Auch der Klassenkampf interessierte sie zunehmend und sie organisierte sich in der Jugend der Marxistischen Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) der Türkei/ Kurdistan, der KGÖ (Kommunistische Jugendorganisation). Im Sommer 2013 beteiligte sie sich an einer Delegation, die an einem politischen Jugendcamp und Aktionen in der Türkei teilnahm. Ivana entwickelte sich sehr schnell und übernahm rasch und selbstständig organisatorische Aufgaben in der KGÖ. Sie organisierte Aktionen, Demonstrationen, Jugendcamps und politische Vorträge.

Im Frühjahr 2014 ging Ivana nach Rojava, um dort gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort gegen die religiös-faschistischen Banden des IS zu kämpfen und die Bevölkerung vor weiteren Massakern, Mord und Vergewaltigungen zu schützen.

Revolutionäre Moral und emotionale Betroffenheit

Ivanas Leben und Sterben sind nichts Außergewöhnliches, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Im Allgemeinen wissen wir, dass die Revolution kein gesitteter Sonntagsausflug ist und viele GenossInnen fallen werden, bis die Menschheit endlich befreit sein wird. Im konkreten Fall der kurdischen Kantone im syrischen Bürgerkrieg kennen wir die Bilder der Schlacht um Kobane und aus der befreiten, aber völlig zerstörten Stadt; wissen um die barbarischen Grausamkeiten der vom Imperialismus gezüchteten faschistischen IS-Banden. Wir wissen – auch wenn wir nicht täglich die Nachrichten von der Front verfolgen – das Tag für Tag GenossInnen sterben im antifaschistischen Kampf für die Verteidigung der Menschlichkeit.

Wir sollten wissen, dass die völlige Entmenschlichung der Söldner des islamischen Faschismus, der offiziell entführte Kinder, Mädchen und junge Frauen als „Kriegsbeute“ zur Befriedigung der perversen sadistischen und pädophilen Bedürfnisse seiner Soldaten und zur Aufrechterhaltung der Moral an die Truppe verteilt, nur ein Beispiel für die Massaker, Brutalitäten und Völkermorde, welche den dritten Weltkrieg begleiten werden, der von den Imperialisten im anstehenden Kampf um die Neuaufteilung der Welt vorbereitet wird.

Daher sollten wir politisch verstanden haben, dass das Sterben notwendigerweise zu unserem Kampf gehört – und wir lernen müssen, damit umzugehen!

Wir wissen das alles und doch, diesmal ist alles ganz anders. Viele jüngere Genoss*Innen kannten Ivana persönlich, aus gemeinsam kollektiv verbrachten Tagen in den Jugendcamps von Young Struggle, den Aktivitäten im Bildungsstreik oder durch ihre Beteiligung am Kampf der Refugees. Der Verlust eines Menschen zu dem man eine emotionale Bindung entwickelt hat, trifft einen hundertfach stärker als all die abstrakten Toten, die wir nie kennengelernt haben. Die älteren GenossInnen aus der Türkei und Nordkurdistan mussten lernen, mit diesen aufwühlenden Gefühlen umzugehen, zu viele FreundInnen und nahe Angehörige sind im Todesfasten, den faschistischen Kerkern und dem seit vier Jahrzehnten ununterbrochen geführten Kampf gefallen. Für die jüngeren Genoss*Innen, vor allem diejenigen, die aus Deutschland kommen, wo der Klassenkrieg noch nicht so entwickelt ist, ist das eine neue Erfahrung. Wir müssen erst lernen, mit dem Schmerz, der Angst, dem Schock und den Zweifeln umzugehen, die der Tod einer lebenslustigen Genossin und Freundin auch hervorruft.

Verglüht der Funke oder entfacht er den Steppenbrand?

Die Reaktionen auf Ivanas Tod sind verwirrend widersprüchlich. Aus den Massen empfangen wir klare Signale der Zustimmung, die zeigen, dass die Zeit reif ist und die fortgeschrittensten Teile der unterdrückten Massen viel weiter sind, als wir gemeinhin glauben. Selbst im Frankfurter Bankenviertel mussten wir niemand mehr erklären, dass der bewaffnete Kampf gegen den Faschismus einfach notwendig ist!

Und in den eigenen Reihen der kommunistischen Bewegung? Während auf der Duisburger Demo eine deutliche revolutionäre Aufbruchsstimmung zu spüren war, gibt es auch die Erscheinung, dass GenossInnen anfangen, zu schwanken und zu zweifeln, dass die zersetzende bürgerliche Ideologie Besitz vom Fühlen und Denken mancher GenossInnen ergreift.

Unwillkürlich fällt einem Lenins Schrift „1 Schritt vor, 2 Schritte zurück“ ein, die irgendwie gut zur Situation passt. Kaum hatten wir einen Schritt gemacht – und die Internationalen Brigaden sind zweifelsohne ein qualitativer Sprung für die lange am Boden liegende kommunistische Weltbewegung – erhebt sich die versammelte Front der Bedenkenträger, Wankelmütigen, Fahnenflüchtigen und Zirkelfreunde und schreit: „Halt! Lasst uns umkehren. Die andere Richtung ist viel besser.“

Lenin hat darauf schon vor über 100 Jahren die angemessene Antwort gegeben und es ist sicher kein Zufall, dass maoistischeGenossInnen gerade jetzt einen Text zum Parteistandpunkt vorlegen, wo sie diese Antwort zustimmend zitieren: „Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefaßtem Beschluß, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, daß wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht den der Versöhnung gewählt haben. (…)“ii

Wir sind ein Trupp von Freiwilligen und niemand wird gezwungen mit uns zu marschieren. Wir wissen nicht, wer von den schwankenden Genoss*Innen sich wohin wenden wird. Wir können nur eins mit Bestimmtheit sagen: mit uns wird es keinen Weg zurück in den traurigen Zustand der ML-Bewegung der 1990er und frühen 2000er Jahre in Deutschland geben. Ivanas Mut hat den Weg gewiesen und der hat eine klare Richtung: nach vorne!

 

1Preußischer Militärtheoretiker, bekannt geworden durch seine Schrift „Vom Kriege“

iiLenin, Was tun?!, zitiert nach Klassenstandpunkt Nr. 5, Zirkelwesen oder Kampfpartei, S. 23

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